„Ich will einfach nur, dass mein Hund andere Hunde ignoriert. Mehr will ich gar nicht.“ Das höre ich von meinen Kund*innen total oft, wenn wir mit dem Training starten. Und ich weiß genau, woher das kommt. Du siehst diesen einen Hund beim Gassigehen, der einfach seelenruhig an allen anderen Hunden vorbeiläuft. Der ignoriert einfach alle und ist voll chill. Und du denkst dir nur: Wie geil wäre das bitte!
Ich versteh das. Einfach ignorieren klingt perfekt – funktioniert im Reallife aber überhaupt nicht. Ich erkläre dir hier, warum und was wirklich hilft, damit dein Hund entspannt bleibt, sobald andere Hunde auftauchen.
Einfach ignorieren – klingt gut, ist aber der komplett falsche Ansatz
Viele fragen sich: Wie bringe ich meinem Hund bei, andere Hunde zu ignorieren? Die kurze Antwort: Das wirst du ihm nicht beibringen können – und du willst es eigentlich auch gar nicht.
Stell dir vor, ich sag dir ab jetzt: Ignorier einfach alle anderen Menschen. Egal was die machen, egal ob die dich nerven, egal ob du die interessant findest – einfach ignorieren. Klingt seltsam, oder? Bei Hunden ist das nicht anders.
Wenn dein Hund andere Hunde wahrnimmt, braucht er irgendetwas in Bezug auf diesen anderen Hund:
- lieber weggehen und keinen Kontakt haben
- hingehen und spielen
- Hallo sagen und kurz schnüffeln
- aus der Ferne erstmal gucken, wer das ist
- dass der andere Hund verschwindet und ihn in Ruhe lässt
- dass sein Ball bei ihm bleibt und der andere Hund nicht rankommt
Er braucht etwas und genau das macht ignorieren so schwer. Das klappt einfach nicht.
Lesetipp: Warum dein Hund noch bei Hundebegegnungen an der Leine ausflippt
Was du dir eigentlich wünschst, wenn du denkst „mein Hund soll andere Hunde ignorieren“, ist ja was ganz anderes: dass dein Hund an lockerer Leine mit dir weitergeht, auf dich hört, neben dir bleiben kann und mit dir warten kann, wenn ein anderer Hund vorbeikommt. Das sind ganz andere Ziele und die können wir mit deinem Hund wirklich durch Training erreichen. Dass dein Hund aber einfach alles ignoriert, obwohl ihm etwas wichtig ist oder eine Situation für ihn schwierig ist – das können wir gar nicht erreichen.
Lesetipp: Hund bellt andere Hunde an – was du tun kannst und was du lassen solltest
Warum der chill wirkende Hund da drüben vielleicht gar nicht so chill ist
Aber Moment – ich kenn doch Hunde, die andere einfach ignorieren. Die gibt es doch wirklich. Ich versteh den Einwand. Aber was du siehst, ist entweder Hund Typ 1 oder Hund Typ 2 und in beiden Fällen ist „ignorieren“ nicht das, was da wirklich passiert.
Typ 1: Der abgelenkte Hund
Diesem Hund ist gerade etwas anderes wichtiger als dieser andere Hund – sein Mensch, ein Ball, ein Geruch. Er ist so fokussiert darauf, dass der andere Hund für ihn gerade irrelevant ist. Deswegen nutzen manche Menschen Ablenkung auch bewusst als Management in schwierigen Situationen – und das ist an manchen Stellen total sinnvoll. Aber das musst du wissen: Wenn dein Hund gerade komplett abgelenkt ist und ein anderer Hund kommt ihm zu nah, kann dein Hund sich krass erschrecken. Und das kann dazu führen, dass er sehr heftig reagiert.
Typ 2: Der Hund, dem es nicht gut geht
Diesem Hund sind andere Hunde einfach eher überflüssig – die Situation ist ihm unangenehm. Nicht so krass, dass er ausflippt, aber unangenehm genug, um sie zu meiden. Er schaut nicht hin, geht einfach vorbei, macht keinen Trouble. Für uns Menschen wirkt das entspannt, wenn wir nicht so genau hinschauen. Für den Hund ist es das aber nicht. Er ist angespannt, meidet den anderen Hund und hofft einfach, dass die Situation schnell vorbei ist. Diese Hunde fallen im Alltag kaum auf und genau deshalb wird ihnen leider nur selten geholfen.
4 Dinge, die wirklich helfen – statt „einfach ignorieren“
Wie gewöhnst du deinen Hund an andere Hunde? Nicht indem ihr möglichst oft auf andere Hunde trefft – sondern so: Ich trainiere seit 2011 mit Menschen und ihren Hunden – und ich kann dir sagen, was wirklich hilft, damit dein Hund entspannt bleibt und auf dich hört, sobald ein anderer Hund auftaucht.
1. Lern, deinen Hund und andere Hunde besser lesen
Je schneller und besser du erkennst, wie Hunde kommunizieren und was ihre Körpersprache zeigt, desto einfacher wird’s für dich. Und desto besser kannst du in dem Moment entscheiden:
- Jetzt ablenken?
- Lieber schnell weitergehen?
- Stehen bleiben und warten?
- Abstand schaffen?
- Okay, die wollen Hallo sagen, da ist Spiel drin?
Wenn du erkennst, wann dein Hund anfängt, sich unwohl zu fühlen – also lange bevor er ausflippt – kannst du viel früher reagieren. Und es wird viel leichter, noch an deinen Hund ranzukommen.
Lesetipp: Warum du Einfrieren bei deinem Hund erkennen musst
Und noch etwas, das du checken solltest: Das Problem startet oft nicht erst, wenn ihr den anderen Hund trefft. Ist dein Hund schon angespannt, wenn du nur die Wohnungstür öffnest? Dann ist das genau der Moment, wo dein Hund deinen Support braucht – nicht erst draußen, wenn der andere Hund schon da ist.
Du willst früher erkennen, wann es für deinen Hund zu viel wird, bevor er ausflippt und du gar keine Chance mehr hast, noch an ihn ranzukommen? In meinem Video-Training Doggo Reading zeige ich dir genau das.
2. Rausfinden, was die Situation für deinen Hund so schwer macht
Schau genauer hin: Wann wird’s für deinen Hund schwierig, wenn ein anderer Hund auftaucht?
- Ist es eng, weil ihr auf einem schmalen Weg seid?
- Geht alles zu schnell?
- Starrt der andere Hund deinen an?
- Ist dein Hund an der Leine anders als ohne?
- Ab welcher Distanz flippt er aus?
- Ist es immer so – oder nur in bestimmten Situationen?
Das sind keine netten Fragen nebenbei – das sind genau die Infos, die du brauchst, um deinen Hund wirklich zu supporten. Denn je früher du erkennst, wo es für ihn schwierig wird, desto eher kannst du eingreifen – bevor er schon längst am Limit ist.
Podcast-Tipp Folge 138: Was ich bei Hundebegegnungen zuerst ändere, bevor ich trainiere
3. Nicht ignorieren – sondern trainieren, was dein Hund stattdessen tun soll
Was soll dein Hund tun, wenn ein anderer Hund auftaucht – ganz konkret? Zum Beispiel:
- an lockerer Leine neben dir weiterlaufen
- mit dir an den Wegesrand gehen und warten
- zum anderen Hund hinschauen und wieder wegschauen
- sich zu dir umdrehen, wenn du ihn ansprichst
- neben dir sitzen und warten, bis der andere Hund vorbei ist
Entscheid dich für etwas, das für euch beide passt – und trainier genau das. Aber nicht in dem Moment, wo der andere Hund schon da steht. Du fängst an, wenn dein Hund entspannt ist, nicht abgelenkt ist und gut mit dir kooperieren kann – ohne andere Hunde in der Nähe. Erst wenn das sitzt, gehst du einen Schritt weiter: in einer Umgebung, wo andere Hunde auftauchen könnten. Dann, wenn andere Hunde weit weg sind. Und dann Schritt für Schritt, im Tempo deines Hundes.
Dein Hund ist nicht jeden Tag gleich drauf – du auch nicht. Manche Tage laufen super, manche weniger. Das ist völlig normal.
Für die schwierigeren Momente – also wenn ein anderer Hund plötzlich auftaucht und du nicht viel Zeit hattest, dich vorzubereiten – schau dir gern meinen Onlinekurs „Easy Hundebegegnung – ohne Training“ an. Da findest du Strategien, die dir helfen, entspannter durch solche Situationen zu kommen.
Klick hier für alle Infos!
4. 50% Training, 50% Management – ohne das eine klappt das andere nicht
Stell dir vor, dein Hund zieht immer, wenn er einen anderen Hund sieht, in die Leine und fängt fürchterlich an zu bellen. Und das passiert euch fünfmal am Tag. Währenddessen gehst du einmal pro Woche ins Training und übst mit ihm, entspannt an lockerer Leine an anderen Hunden vorbeizulaufen. Was denkst du, was dein Hund im Reallife auf die Reihe bekommt, wenn der nächste Hund auftaucht – und was das Erste ist, was ihm einfällt?
Genau. Er zieht in die Leine und bellt. Denn das kennt er, das kann er und es funktioniert irgendwie für ihn. Vielleicht geht der andere Hund schneller weg, vielleicht kann er Energie ablassen, vielleicht wird die Situation für ihn irgendwie leichter – oder er kommt sogar ein bisschen ran und kann kurz den Geruch einsaugen. Dein Hund wählt den Weg, den er schon tausendmal gegangen ist, den er im Schlaf kennt. Und nicht den, den ihr einmal pro Woche kurz ausprobiert und der für ihn noch so neu ist, dass er sich dabei ständig verläuft.
Genau dafür brauchst du Management. Das bedeutet, du gestaltest die Situation, wenn ihr auf einen anderen Hund trefft, so, dass dein Hund die alte Strategie – in die Leine springen, bellen – so selten wie möglich einsetzen muss, während ihr gleichzeitig eine neue trainiert. Das kann zum Beispiel so aussehen:
- andere Routen wählen, auf denen ihr weniger Hunden begegnet
- mehr Abstand aufbauen, bevor dein Hund überhaupt anfängt zu reagieren
- Situationen bewusst vermeiden, in denen es eng wird
- Tageszeiten wählen, wo weniger Hunde unterwegs sind
- deinen Hund in dem Moment ablenken, damit er kurz nicht reagiert und ihr einfacher vorbeikommt
Und warum ist das so wichtig? Weil du fünfunddreißigmal pro Woche mit deinem Hund an anderen Hunden vorbeigehst – und er fünfunddreißigmal in die Leine springt und bellt. Und einmal pro Woche schafft ihr es zusammen, entspannt vorbeizugehen. Was denkst du, was dann besser sitzt?
Willst du wissen, wie das konkret aussieht? Hol dir jetzt meinen 0 € Guide „Endlich Gassi gehen ohne Gebell“ – mit 3 Strategien, die ihr sofort umsetzen könnt, damit Gassi gehen endlich entspannter wird.

Diese 4 Fehler machen fast alle, die wollen, dass ihr Hund andere Hunde ignoriert
Fehler 1: Das Verhalten unterdrücken, statt das Problem lösen
Du willst, dass dein Hund andere Hunde ignoriert – und wenn er bellt oder in die Leine springt, versuchst du, das zu unterbinden. Mit Druck, Strafe oder Verboten. Vielleicht klappt das sogar und dein Hund bellt nicht mehr. Aber das Problem ist noch da – dein Hund hat immer noch ein Problem mit anderen Hunden, er traut sich nur nicht mehr, das zu zeigen. Er ist gehemmt, angespannt und gestresst. Und irgendwann, wenn der Druck zu groß wird, reagiert er trotzdem – nur ohne Vorwarnung. Das ist das Gegenteil von einem Hund, der entspannt bleibt, wenn andere Hunde auftauchen.
Lesetipp: Aggressiver Hund – warum Hunde aggressiv reagieren und was du tun kannst
Fehler 2: Warten, bis es von allein besser wird
„Der gewöhnt sich schon dran.“ Spoiler: tut er nicht. Denn je länger das so läuft, desto tiefer sitzt dieses Verhalten – und desto mehr habt ihr beide aufzuholen. Das heißt nicht, dass nach zwei Jahren alles verloren ist, aber warte lieber nicht so lange. Hol dir früher Hilfe – von einer Hundetrainer*in, aus einem Onlinekurs, von wo auch immer. Denn je früher ihr anfangt, desto schneller kommt ihr (wieder) entspannt an anderen Hunden vorbei.
Fehler 3: Nur an den Begegnungen mit anderen Hunden trainieren – und den Rest übersehen
Manchmal fängt das Problem gar nicht an, wenn der andere Hund auftaucht. Ist dein Hund schon angespannt, wenn ihr die Wohnung verlasst? Flippt er bei Einkaufstrolleys oder Fahrrädern aus, obwohl das gar keine Hunde sind? Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was sonst noch in eurem Alltag passiert.
Ich hatte mal eine Hündin im Training, die bei jedem anderen Hund komplett ausgerastet ist – schon auf große Distanz. Sie war mehrmals pro Woche beim Hundesport, auf einem Platz mit vielen anderen Hunden. Das hat sie so gestresst, dass sie im Alltag kaum noch runterkommen konnte. Wir haben die Hundesportstunden reduziert und dafür viel Nasenarbeit zuhause gemacht – nicht weil Nasenarbeit irgendwie magisch wirkt, sondern weil wir dadurch den Stress im Alltag reduziert haben. Und plötzlich war diese Hündin einfach entspannter, wenn andere Hunde auftauchten – ohne dass wir einmal gezielt daran trainiert haben.
Podcast-Tipp Folge 136: Warum Hundebegegnungen mich schon vor dem Gassigehen stressen
Also schau dir auch an, was sonst noch in eurem Alltag los ist. Denn wenn dein Hund generell weniger gestresst ist und sich wohlfühlt, kommt er einfach besser klar – auch wenn ein anderer Hund auftaucht.
Fehler 4: Je mehr andere Hunde, desto besser – nope!
„Dann lass ihn sich mal so richtig sozialisieren, dann kommt er schon mit anderen Hunden klar.“ Klingt irgendwie logisch – geht aber immer in die Hose. Denn es geht nicht darum, dass dein Hund möglichst viele andere Hunde kennenlernt, sondern wie er sich dabei fühlt. Wenn dein Hund ein paarmal pro Woche entspannt auf andere Hunde trifft, bringt ihn das hundertmal mehr, als wenn ihr jeden Hund mitnehmt, den ihr von Weitem seht, und dein Hund am Ende völlig am Limit ist, weil es einfach zu viel war.
Und denk nochmal an Fehler 3: Wenn dein Hund sowieso schon gestresst ist, sorgt noch mehr davon dafür, dass er bei anderen Hunden noch schneller ausflippt – und nicht entspannter wird.
Plottwist: Es geht gar nicht darum, dass dein Hund andere Hunde ignoriert
Ignorieren klingt so verlockend einfach. Kein Bellen, kein Ziehen, einfach vorbeilaufen als wär da nichts. Aber dein Hund ist kein Roboter – er hat Meinungen zu anderen Hunden. Manche findet er cool, manche gruselig, manche einfach überflüssig. Und das ist völlig normal.
Was du dir wünschst, ist ja eigentlich etwas ganz anderes, als dass dein Hund andere Hunde ignoriert. Du willst, dass er entspannt bleibt, wenn ein anderer Hund auftaucht, dass ihr entspannt vorbeikommt und er auf dich hört. Und genau das ist möglich – auch wenn es sich gerade noch nicht so anfühlt.
Du willst konkrete Strategien, damit ihr schon morgen entspannter an anderen Hunden vorbeikommt? Dann schau dir meinen Onlinekurs „Easy Hundebegegnungen – ohne Training“ an.
Fragen, die wir ständig bekommen, wenn’s darum geht: „Mein Hund soll andere Hunde doch einfach nur ignorieren!“
Stell dir vor, von dir wird verlangt, dass du ab jetzt alle Menschen um dich rum ignorierst. Egal was die machen, egal ob sie dich nerven, egal ob du sie interessant findest. Klingt seltsam, oder? Bei deinem Hund ist das nicht anders. Er hat Meinungen zu anderen Hunden – und die werden einfach da sein, egal was du machst. Was du stattdessen erreichen kannst: dass er entspannt bleibt, wenn andere Hunde auftauchen, und dass ihr vorbeikommen könnt. Das ist das eigentliche Ziel.
Nicht indem ihr möglichst oft auf andere Hunde trefft und hofft, dass es irgendwann besser wird. Sondern indem du verstehst, was die Situation für deinen Hund schwer macht – und dafür sorgst, dass er andere Hunde erstmal in Situationen trifft, in denen er entspannt ist und sich sicher fühlt. Qualität schlägt Quantität. Fünf entspannte Begegnungen bringen euch mehr als zwanzig, bei denen dein Hund jedes Mal ausflippt.
Weil ihm die Situation nicht egal ist. Vielleicht will er hin und spielen, vielleicht will er, dass der andere Hund einfach verschwindet, vielleicht ist er unsicher und weiß nicht, was er tun soll. Und solange er keine andere Möglichkeit kennt, damit umzugehen, macht er das, was er kennt – bellen, in die Leine springen, ausflippt.
Entweder ist der Hund gerade so fokussiert auf etwas anderes, dass der andere Hund für ihn gerade keine Rolle spielt. Oder er findet andere Hunde unangenehm und meidet sie lieber – geht einfach vorbei, schaut nicht hin, macht keinen Trouble. Beides klingt entspannt. Ist es aber nicht.
