Sofa ja oder nein? Das entscheidest du, aber nicht nach Rangordnung.

Freitagabend. Dein Hund macht sich neben dir auf dem Sofa breit und seufzt einmal tief, so wie Hunde das machen, wenn gerade alles passt. Du kraulst ihn. Und mittendrin meldet sich diese fiese kleine Stimme: „Na, ob das so eine gute Idee ist? Nachher denkt der noch, er wäre hier der Boss.“

Kennst du diese Stimme? Die klingt oft verdächtig nach Alpha-Brigitte vom Hundeplatz oder nach irgendeinem Typen, der auf TikTok mit verschränkten Armen erklärt, du müsstest jetzt mal die Rudelführer*in raushängen lassen, sonst tanzt dir der Hund bald auf der Nase rum.

Ganz ehrlich: vergiss den Kram. Dein Hund darf aufs Sofa, wenn du das willst. Er reißt nicht die Macht an sich und dreht dir auch nicht ab morgen eine lange Nase, weil er einmal auf dem kuscheligen Sofa gepennt hat.

Dass du trotzdem ein mulmiges Gefühl hast, ist kein Zufall. Dahinter steckt eine uralte Idee, die sich zäh hält: dass es zwischen dir und deinem Hund eine Rangordnung gibt. Und dass der, der oben steht, auch oben liegen darf. Nach dieser Logik müsste dein Hund also brav unten bleiben, runter von Sofa und Couch, damit er schön weiß, wo sein Platz ist.. Klingt komisch? Ist es auch. Lass uns das mal auseinandernehmen.

Woher die Angst kommt, dass dein Hund die Macht übernimmt

Diese Idee kommt nicht von deinem Hund. Die kommt von Menschen.

Es gibt ein Denken, in dem sich die Stärkeren durchsetzen und die Schwächeren klein beigeben. Wer oben steht, hat Recht. Wer unten liegt, hält die Klappe. Das nennt sich Sozialdarwinismus, und wir leben mittendrin. Es ist wie die Luft, die wir atmen. Menschen legen dieses Muster über alles: über die Arbeit, über andere Menschen und eben auch über ihren Hund.

Guck dir mal an, wer dir solche Ratschläge meistens gibt: Alpha-Typen mit verschränkten Armen, die dir erklären, du müsstest jetzt mal „die Führung übernehmen“, sonst tanzt dir der Hund auf der Nase rum. Diesen Menschen geht es um Macht und Kontrolle und darum, beides immer weiter auszubauen. Am liebsten über Frauen, Kinder und Tiere, also über alle, die sie für „schwächer“ halten. Beim Hund nennen sie das Ganze dann Rangordnung oder Dominanz. Dein Hund auf der Couch wird so zur Machtfrage, dabei geht’s ihm nur ums Kuscheln.

Und dieses Denken ist praktisch. Denn es erlaubt Menschen, ihrem Hund weh zu tun, und trotzdem zu glauben, sie machen alles richtig. Guck mal, was da alles schöngeredet wird:

  • Den Hund anschreien? Ist halt konsequent.
  • An der Leine rucken? Ist eben Führung.
  • Den Hund mit der Hand auf den Boden drücken? Setzt eben durch, was man von ihm verlangt.

Das ist alles Gewalt. Und weil sie sich hinter Wörtern wie „Führung“ und „Konsequenz“ versteckt, geben Menschen diesen Kram seit Jahrzehnten weiter. 🤡

Der Alpha-Wolf, das berühmteste Missverständnis

Und dann kommt meistens das eine Argument, mit dem alle ankommen: „Aber die Wölfe! Da gibt’s doch auch einen, der sich als Alphatier durchsetzt.“

Stimmt sogar, dass diese Idee mal so erforscht wurde. In den 1940ern und nochmal in den 70ern hat man Wölfe beobachtet und festgestellt: Da kämpft einer sich nach oben, der Rest ordnet sich unter. Alpha-Wolf eben. Klingt erstmal überzeugend.

Aber schau mal, was da eigentlich beobachtet wurde. Wildfremde Wölfe, zusammen in ein enges Gehege gesperrt. Tiere, die in Freiheit viele Kilometer am Tag laufen, jeden Tag, wie kleine Marathonläufer. Und die stecken jetzt zusammen auf engstem Raum fest, mit lauter fremden Wölfen, die nicht ihre Familie sind. Klar knallt das. Die Wölfe stehen einfach unter Dauerstress und benehmen sich entsprechend. Mit einem echten Wolfsrudel hat das rein gar nichts zu tun.

Der Forscher, der diese Idee groß gemacht hat, hat sie später übrigens selbst zurückgenommen. Er hat freilebende Wölfe beobachtet und gemerkt: In echt ist so ein Rudel einfach eine Familie. Eltern und ihre Kinder, mehr nicht. Da gibt es keinen Wolf, der sich als Alphatier beweisen und gegen die anderen durchsetzen muss.

Und dein Hund ist sowieso kein Wolf. Hunde stammen nicht vom Wolf ab, auch wenn das ständig behauptet wird. Beide hatten irgendwann mal denselben Vorfahren, ein Tier, das längst ausgestorben ist. Aber ihre Wege haben sich vor 20.000 bis 40.000 Jahren getrennt. Dein Hund auf dem Sofa hat mit einem Wolf im Wald ungefähr so viel gemeinsam wie du mit einem Schimpansen.

Warum dein Hund wirklich aufs Sofa will

Wenn dein Hund aufs Sofa will, hat er keinen Masterplan. Er will nicht die Couch erobern und von da aus die Herrschaft übernehmen. Er will das, was du auch willst, wenn du dich abends hinlümmelst: Es ist weich, es ist warm und du bist da. 🩷

Genau das ist der Punkt. Dein Hund liegt nicht aus Machtgründen neben dir, er liegt neben dir, weil du seine Lieblingsperson bist. Nähe fühlt sich für ihn gut an. Dein Sofa riecht nach dir, es ist gemütlich und wenn er sich an dich kuscheln kann, ist seine Welt in Ordnung. Das ist alles.

Und mal ganz ehrlich: Die meisten Sofas und Sessel sind einfach bequemer als so ein Hundebett. Wenn du das nicht glaubst, mach doch den Tausch. Ab jetzt schläfst du im Hundebett und dein Hund kriegt das Sofa. Sind ja so gemütlich, diese Hundebetten. 🤓

Und manchmal will ein Hund das sogar, dem du es nie zugetraut hättest. Als mein Hund Paco bei mir einzog, hat die Tierschützerin gesagt, dieser Hund kommt nie freiwillig aufs Sofa. Er ist viel zu ängstlich, viel zu zurückhaltend und kennt das einfach nicht. Drei Tage später lag er gemütlich da, wo sonst die Katzen lagen. Warm, weich, mittendrin bei seiner Familie. Genau da wollte er hin.

Ändert sich was, wenn du’s erlaubst?

Wahrscheinlich spukt dir gerade sowas im Kopf rum:

  • Hört er dann noch auf mich?
  • Wird er frech?
  • Denkt er dann, er bestimmt hier?

Kurze Antwort: nein.

Dein Hund liegt auf dem Sofa und denkt nicht: „So, jetzt bin ich hier der Chef und ab morgen mache ich die Regeln.“ Er liegt da und denkt: „Oh schön, kuscheln.“ Das Sofa macht ihn nicht frech, so wie das Bett ihn nicht zum Boss macht, wenn er morgens zu dir unter die Decke kommt. Ob dein Hund aufs Sofa darf, ist einfach eure Entscheidung. Da spielen Platz rein, deine Vorlieben und auch die von deinem Hund. Ihr entscheidet das als Familie und dein Hund gehört da mit dazu.

Bei mir zu Hause hatte das immer einfach praktische Gründe. Paco durfte von Anfang an aufs Sofa. Später, mit drei großen Hunden und fast 100 Kilo Hund, hätten wir selbst keinen Platz mehr gehabt. Also lagen die drei Hunden unten, jeder in seinem superbequemen Hundebett. Als dann einer starb und nur noch zwei übrig waren, konnten beide Hunde wieder mit aufs Sofa.

Und nein, dein Hund reißt auch nicht die Macht an sich, wenn er im Bett schläft. Ob dein Hund im Bett schläft oder nicht, hat null mit Rangordnung zu tun, sondern damit, was für euch beim Schlafen passt. Bei mir war’s ähnlich. Meine Hunde konnten morgens immer zum Kuscheln rein, aber in der Nacht haben sie in ihren eigenen Hundebetten geschlafen. Zu dritt oder zu viert im Bett, das wäre einfach viel zu eng geworden, für die Hunde und für uns. Und guter Schlaf ist wichtig, für alle. Also stand direkt neben unserem Bett auf jeder Seite ein superbequemes Hundebett, mit einer Extradecke drin, falls es nachts kalt wurde. So lagen sie ganz nah bei uns und trotzdem hatten wir alle genug Platz.

Und wenn dein Hund das Sofa verteidigt?

Manchmal knurrt ein Hund, sobald ein Mensch zum Sofa geht, oder er wird ganz steif, wenn du dich dazusetzen willst. Wenn du das bei deinem Hund kennst, dann lass ihn erst mal gar nicht aufs Sofa, bis ihr das gemeinsam angeht. Nicht um ihm was zu verbieten, sondern damit erst mal alle sicher sind. Gib ihm dafür einen richtig bequemen Platz am Boden, den er richtig gern mag.

Denn wenn dein Hund das Sofa verteidigt, sagt er eigentlich: „Dieser Ort ist mir wichtig, bleib weg.“ Er will etwas schützen, das ihm viel bedeutet. Und ganz oft will er dabei auch sich selbst schützen. Weil er in solchen Momenten schon mal erlebt hat, dass es unangenehm für ihn wird. Dass ihm wer wehtut, ihm droht oder ihn einfach runterschiebt.

So etwas löst du nicht mal eben nebenbei, und schon gar nicht, indem du dich durchsetzt. Such dir dafür Unterstützung bei Hundetrainer*innen, die deinem Hund nichts aufzwingen, sondern mit dir zusammen draufschauen:

  • Woher kommt das bei deinem Hund?
  • Welche Faktoren machen es schlimmer?
  • Wie bringst du deinem Hund bei, auf ein Signal vom Sofa runterzukommen, ohne dass du ihn schieben musst?
  • Wo zeigt sich im Alltag vielleicht noch, dass dein Hund Sachen verteidigt, nur so subtil, dass du es leicht übersiehst?

Wie du deinem Hund beibringst, auf ein Signal freiwillig vom Sofa runterzukommen, das zeig ich dir Schritt für Schritt in meinem Artikel So gewöhnst du deinem Hund das Sofa ab, ohne ihn wegzuscheuchen. Da geht’s genau um dieses Runtergehen auf ein Signal.

Und wenn du tiefer ins Thema Ressourcen verteidigen einsteigen willst: Das mit Abstand beste Buch dazu ist „Mine! A Practical Guide to Resource Guarding in Dogs“ von Jean Donaldson. Auf Deutsch ist es leider aktuell nicht verfügbar. Auf Englisch bekommst du es aber problemlos und wenn Englisch für dich okay ist, lohnt es sich richtig. 👉 Hier findest du das Buch (Affiliate-Link. Für dich kostet das nichts extra, ich bekomme eine kleine Provision, wenn du darüber kaufst.)

So entscheidest du, was zu euch passt

Es gibt kein Richtig und kein Falsch beim Sofa. Es gibt nur die Frage, was für euch passt. Und mit „euch“ meine ich dich und deinen Hund und alle, die bei euch zu Hause wohnen. Nicht deine Mutter und auch nicht Alpha-Brigitte vom Hundeplatz.

Frag dich also lieber sowas:

  • Ist genug Platz für uns alle auf dem Sofa?
  • Stört mich der Dreck, wenn mein Hund nass oder matschig reinkommt?
  • Und was ist eigentlich mit meinem Hund? Liegt er überhaupt gern oben oder mag er seinen eigenen Platz sowieso lieber?

Wenn dich vor allem der Dreck stört, ist das easy lösbar. Leg eine Decke aufs Sofa oder nimm einen Bezug, den du einfach in die Wäsche werfen kannst. Es gibt sogar extra Hundebetten fürs Sofa, die du oben drauflegst, so hat dein Hund seinen eigenen gemütlichen Bereich und dein Sofa bleibt sauberer. Da findest du superviele Varianten in allen möglichen Größen, such einfach mal danach. Hier ist eins zur Orientierung für dich: 👉 Hundebett fürs Sofa auf Amazon (Affiliate-Link. Für dich kostet das nichts extra, ich bekomme eine kleine Provision, wenn du darüber kaufst.)

Und wenn deine Antwort am Ende „Nein, kein Sofa“ ist, dann ist das genauso okay. Du machst es deinem Hund trotzdem gemütlich, einfach woanders.

Euer Sofa, eure Entscheidung

Also… dein Hund darf aufs Sofa, wenn ihr das wollt. Er übernimmt nicht die Macht, er wird nicht frech, er dreht dir keine lange Nase. Diese ganze Rangordnungs-Geschichte kommt nicht von deinem Hund, sondern von Menschen, die schon immer über andere bestimmen wollten. 🤡 Dein Hund will einfach nur da liegen, wo es warm ist und wo du bist.

Was sich aber richtig lohnt: Deinem Hund ein Signal beizubringen, mit dem er vom Sofa runtergeht. Er weiß dann genau, was das bedeutet. Du musst ihn nicht schieben, nicht wegscheuchen, nicht 95.000 Mal dasselbe sagen. Dein Hund hat sogar Spaß daran, das zu machen. Und dieses Signal kannst du überall benutzen, nicht nur, wenn dein Hund aufm Sofa liegt.

👉 So bringst du deinem Hund das Runtergehen vom Sofa bei, ohne ihn wegzuscheuchen

 

Häufige Fragen zum Hund auf dem Sofa

Darf mein Hund aufs Sofa, ja oder nein?

Ja, dein Hund darf aufs Sofa, wenn ihr das wollt. Das ist eine reine Familienentscheidung und hat nichts mit Rangordnung oder Erziehung zu tun. Entscheide danach, was für dich, deinen Hund und alle bei euch zu Hause am besten passt.

Wird mein Hund dominant, wenn er aufs Sofa oder ins Bett darf?

Nein. Dein Hund reißt nicht die Macht an sich, nur weil er oben liegen darf. Er wird davon nicht frech und übernimmt auch nicht das Kommando. Er liegt einfach gern da, wo's warm ist und wo du bist.

Ist es unhygienisch, wenn der Hund auf dem Sofa liegt?

Ein bisschen Dreck und Haare gehören dazu, wenn dein Hund mit aufs Sofa darf. Das lässt sich aber leicht in den Griff kriegen: Leg eine Decke oder einen waschbaren Bezug aufs Sofa, den du regelmäßig in die Wäsche wirfst. So bleibt es sauber und dein Hund hat trotzdem seinen Kuschelplatz.

Mein Hund verteidigt das Sofa und knurrt. Was tun?

Wenn dein Hund das Sofa gegen Menschen verteidigt, lass ihn erst mal gar nicht mehr aufs Sofa, bis ihr das in Ruhe angeht. Dein Hund will damit etwas schützen, das ihm wichtig ist und oft auch sich selbst. Am besten holst du dir eine*n Hundetrainer*in dazu, der*die*they euch gewaltfrei begleitet, damit dein Hund sich nicht mehr bedroht fühlt.

Ulrike Seumel

Ulrike Seumel ist ausgebildete Hundetrainerin, Coach, Autorin des Buches „Markertraining für Hunde“ und Gründerin von Dog It Right®. Seit 2011 arbeitet sie hauptberuflich im Hundetraining, seit 2013 online.

Sie begleitet Menschen, deren Hunde wie auf einem anderen Planeten sind, sobald irgendwo ein anderer Hund auftaucht.

Dog It Right steht nicht für Dominanz, Gehorsamsdenken oder „sich durchsetzen“, sondern für ein Training, das ohne Machtspielchen auskommt und im echten Leben funktioniert, nicht auf dem Hundeplatz.

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