Du machst die Haustür auf und zack, hat sich dein Hund schon an deinen Beinen vorbeigeschoben und ist draußen. Auf der Treppe dasselbe: dein Hund muss zuerst hoch. Er drückt sich durch jeden Türspalt, als gäbe es auf der anderen Seite was zu gewinnen.
Mein Hund Ascii hat das auch gemacht, der war perfekt darin. Musste überall als Erster die Treppe hoch, hat sich als Erster durch jede Tür gezwängt, sich ständig vorgedrängelt. Wenn ich einen anderen Hund gestreichelt hab, hat er sich auch da reingeschoben, damit er dran ist und die anderen einfach weggeschoben. Ging auch super mit seinen 34 Kilo.
Und dann kommt garantiert Alpha-Johannes um die Ecke: „Boah, der hat hier wohl das Sagen. Der will dir zeigen, dass er der Chef ist. Du musst als Erste durch die Tür, sonst tanzt der dir bald richtig krass auf der Nase rum.“
Du hörst diesen Tipp überall: Der Hund darf nie als Erster durch die Tür, sonst denkt er nämlich, er ist der Chef. Der hält sich hartnäckig. Lass uns mal in Ruhe angucken, was dran ist. Spoiler: nicht viel.
Warum dein Hund sich überall vordrängelt
Dein Hund drängelt nicht, um dir zu zeigen, wo dein Platz ist. Er will einfach nur raus, weil draußen alles wartet, worauf er Bock hat:
- Gerüche, die es drinnen nicht gibt
- andere Hunde
- der eine Busch, an dem gestern die Katze saß
- alles, was sich bewegt, raschelt oder spannend riecht
Kein Wunder, dass er da nach vorne prescht. Er freut sich einfach riesig und kann es kaum abwarten. An der Wohnungstür, auf der Treppe, an der Haustür, überall, wo es gleich rausgeht.
Bei meinem Hund Ascii kam noch was dazu. Bevor er zu mir gezogen ist, kam er kaum noch raus und hatte nur sehr kurze Spaziergänge. Er hat sofort jeden Hund angebellt, ist mit seinen 34 Kilo in die Leine gesprungen und hat versucht, Wild zu töten. Sein Mensch hat das nicht mehr geschafft und so blieb Ascii immer öfter drinnen. Für ihn wurde jedes Rausgehen dadurch umso aufregender. Und draußen warteten dann genau die Hunde und Menschen, die ihn so stressten.
Ascii wusste sofort, wenn es rausging. Ich musste dafür gar nichts Bestimmtes sagen. Sobald in meinem Kopf nur die Idee war „wir gehen raus“, wusste er Bescheid und dann ging’s los.
Was heißt „warten“ eigentlich für deinen Hund?
Und dann ist da die Sache mit dem Warten. „Warte doch einfach!“ sagt sich leicht. Aber schau mal genau hin: Was soll dein Hund dabei eigentlich tun?
Ich bin Autistin mit ADHS. Ich weiß ziemlich genau, wie kompliziert dieses Warten ist und was Menschen dabei erwarten. Warten soll wohl irgendwie easy funktionieren, hab ich mal gehört. Tut es aber nicht. Ich versteh das Konzept eh nicht so ganz.
Denk an dich selbst. Wenn dich wer bittet zu warten, kannst du auf einem Trampolin rumhüpfen, aufs Handy glotzen oder einfach stillstehen und dich nicht bewegen. Alles davon ist „warten“. Und was fällt dir am schwersten? Wahrscheinlich das Stillstehen, genau wie mir.
Deinem Hund geht es genauso. Er wartet ja auch dann, wenn er winselt, bellt und von einem Bein aufs andere hüpft. Für dich ist das wahrscheinlich anstrengend. Und wahrscheinlich merkst du auch, dass dein Hund dabei ganz schön gestresst und frustriert ist.
Aber kaum ein Hund setzt sich von allein ruhig hin und guckt entspannt die Tür an, während in ihm alles „los, los, los“ schreit. Deshalb reicht es nicht, einfach „warten“ von ihm zu verlangen. Wir gucken lieber, wie das Warten für deinen Hund leichter wird und begleiten ihn dahin, dass er es auf eine Art hinbekommt, die für euch beide passt.
Der Mythos: Wer zuerst durch die Tür geht, hat das Sagen
Die Theorie geht so: Wenn du immer zuerst durch die Tür gehst, kapiert dein Hund, dass du der Chef bist. Er ordnet sich dir unter und macht, was du willst. Du stehst in der Rangordnung ganz oben, deshalb musst du zuerst gehen. Und so sicherst du dir diesen Platz ganz oben immer wieder aufs Neue. Darum geht’s bei diesem „Tipp“.
Das Problem: Dieses ganze Rangordnungsgedöns ist frei erfunden. Deswegen spar dir das doch. Spar es deinem Hund und dir einfach.
Und es kommt noch was dazu. Dieses „als Erster durch die Tür müssen“ führt dazu, dass Menschen anfangen, ihren Hund rabiat wegzudrängeln, ihn wegzuschubsen, ihn zu blocken. Sie müssen ihn ja irgendwie hinter sich halten, damit er eben nicht als Erster rausgeht. Dabei will dein Hund auch einfach nur raus.
Lesetipp: Sofa ja oder nein? Das entscheidest du, aber nicht nach Rangordnung
Zuerst oder nach dir? Schaut, was für euch passt
Ob dein Hund zuerst rausgeht oder nach dir, ist keine Frage von Rangordnung. Guckt einfach, was in eurem Alltag passt. Das kann bei jedem Mensch-Hund-Team ganz anders aussehen und beides ist völlig okay.
Bei mir zu Hause hab ich das mit jedem Hund anders gemacht.
Paco ging immer zuerst durch die Tür. Bei schweren Türen, die schnell wieder zufallen, war mir das lieber. So konnte ich ihm die Tür in Ruhe aufhalten, ohne dass sie ihm gegen die Nase knallt. Wir haben hier auch ein Tor zum Grundstück, das ich hinter mir zuziehen muss. Da hab ich immer beide Hunde zuerst gehen lassen, beim Rein- und beim Rausgehen, weil das mit dem Zuziehen einfach besser klappte, wenn ich als Letzte kam. Und wenn wir in die Wohnung reingegangen sind, hab ich die Hunde auch immer zuerst reingelassen. Immer.
Ascii ging nach mir. Bei ihm war mir das lieber und das hatte einen guten Grund. Bei uns wohnt direkt nebenan eine Katze, die ständig vor der Tür rumhängt. Dazu laufen hier viele Hunde frei rum, wir sind quasi umzingelt von Hunden, die hier wohnen. Und die haben Ascii fast alle angebellt. Ich hatte einfach keinen Bock, aus der Haustür zu treten und dann einen Ascii an der Leine zu haben, der in die Leine springt und bellt, weil ihm die Katze oder ein Hund direkt vor die Nase läuft. Also bin ich erst raus, hab kurz geschaut, was los ist und ihn dann geholt. So hab ich viele miese Situationen abgefangen, bevor sie überhaupt losgingen.
Beides hatte einen ganz praktischen Grund. Mit Rangordnung hatte das nie was zu tun. Das sind einfach eure ganz persönlichen Gewohnheiten. Schau, wie es für deinen Hund passt und für dich.
Direkt vor der Haustür ist alles heftiger
Die meisten wissen ganz genau, dass es direkt vor der Haustür am schnellsten knallt. Was sie aber nicht checken: wie es überhaupt dazu kommt.
Denn auf den ersten Metern kommt oft alles zusammen. Da laufen die Erzfeinde rum, an denen ihr eng vorbei müsst. Da kommt schnell ein anderer Hund um die Ecke, während du noch abschließt und die Umgebung gar nicht richtig gecheckt hast. Die Wege sind eng. Dein Hund ist eh schon aufgeregt, weil es rausgeht und wahrscheinlich muss er auch noch sehr dringend Pipi. Viele Hunde ziehen schon an der Haustür los, bevor ihr überhaupt richtig draußen seid. Und oft hängt dein Hund dann noch an einer echt kurzen Leine, weil du ja schon weißt: hier geht’s gleich los.
Genau dann kommt es zu diesen Situationen, die viel schneller eskalieren und viel heftiger werden. Beim nächsten Mal ist dein Hund an der Stelle schon angespannt, bevor er überhaupt aus der Haustür raus ist.
Deshalb bin ich gerade bei Ascii lieber erst kurz allein raus und hab geschaut, was los ist, bevor er dazukam. Ich hab das einfach so entspannt wie möglich gestaltet, für Ascii und auch für mich.
Lesetipp: Hund bellt andere Hunde an: was du tun kannst und was du lassen solltest
So bringst du deinem Hund das Warten an der Tür bei
Falls du dir wünschst, dass dein Hund an der Tür wartet, statt sich vorbeizuschieben: Das kann er lernen. Nur eben nicht, indem du es einfach von ihm verlangst.
Denn Warten strengt deinen Hund richtig an. Sein Kopf muss den Impuls „Los, raus!“ die ganze Zeit ausbremsen und das zieht mächtig Energie. Schon ein paar Minuten davon machen deinen Hund platt. Ist dein Hund dazu noch aufgeregt? Dann kann er sich kaum noch halten. Je aufgeregter dein Hund ist, desto weniger schafft sein Kopf es, diesen Losstürm-Impuls zu unterdrücken. Dein Hund will dich damit nicht ärgern. Er kann in dem Moment einfach nicht anders.
Deshalb bringt es nichts, an der Tür mit ihm zu schimpfen oder ihn wegzuschieben. Das macht ihn nur noch aufgeregter und gestresster und dann klappt das Warten erst recht nicht. Hilfreich ist das Gegenteil: Übe in kleinen Schritten, belohne deinen Hund viel und halt die Aufregung dabei so klein wie möglich.
So fängst du an:
- Üb erst mal an der geschlossenen Tür, wenn es gar nicht rausgeht. Da ist dein Hund viel entspannter als kurz vorm Spaziergang.
- Warte, bis dein Hund von allein ruhig stehen bleibt. Genau dann belohnst du ihn sofort.
- Steiger dich in Mini-Schritten: erst die Hand an die Klinke legen, dann die Klinke runterdrücken, dann die Tür einen Spalt öffnen. Nimm immer nur eine neue Sache dazu und erst dann, wenn das Vorherige ganz entspannt läuft.
- Wird dein Hund unruhig, springt auf oder drängelt, dann bist du zu schnell gewesen. Geh einfach einen Schritt zurück zur leichteren Übung, ganz ohne Ärger. Du schimpfst nicht, du machst es ihm nur wieder leichter.
So baust du ganz nebenbei ein neues Ritual an der Tür auf. Mach diese Mini-Übung einfach jedes Mal, bevor ihr rausgeht. Dein Hund weiß dann schon: Gleich kommt die Sache mit der Tür, bei der es was Leckeres gibt. Und allein diese Erwartung nimmt schon Tempo raus. Statt einfach draufloszustürmen, ist dein Hund plötzlich mit was ganz anderem beschäftigt und richtet sich auf dich aus.
Bei Ascii war genau das der Weg. Er liebte es rauszugehen, entsprechend schwer fiel ihm das Warten. Also haben wir es in winzigen Schritten geübt und ihn oft belohnt. Heute bleibt er an der Tür von allein ruhig stehen und wartet, bis ich rausgeschaut hab und ihm sage, dass es losgeht. Sogar dann, wenn er andere Hunde hört.
Dein Hund muss dafür übrigens nicht sitzen. Vielen Hunden fällt ruhiges Stehen sogar viel leichter. Früher hab ich das oft übers Sitzen aufgebaut, heute würde ich das gar nicht mehr so machen. Ich lass den Hund lieber sicher stehen bleiben, denn ein ruhiges Stehen ist genauso gut. Wichtig ist nur, dass dein Hund sich nicht an dir vorbei nach draußen schiebt.
Lesetipp: 3 Dinge, die du über Impulskontrolle beim Hund wissen solltest
Zuerst, nach dir, gemeinsam, alles gut
Dein Hund drängelt sich nicht vor, weil er hier den Chef markieren will. Er freut sich riesig aufs Rausgehen oder ist so aufgeregt, dass er kaum stillstehen kann. Und beim Warten braucht er erst mal deinen Support. Mit Rangordnung hat das alles nichts zu tun.
Ob er zuerst rausgeht oder nach dir, findet ihr gemeinsam raus, so wie es für euch beide im Alltag passt. Und wenn du dir wünschst, dass er an der Tür wartet, dann geht ihr das in Ruhe an, in kleinen Schritten, mit ganz viel Belohnung.
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Darf der Hund zuerst durch die Tür? Die häufigsten Fragen
Nope. Ob du zuerst gehst oder dein Hund, ändert nichts daran, wie gut er auf dich hört. Diese Regel kommt aus der Rangordnungs-Idee und die ist frei erfunden. Geh so durch die Tür, wie es für euch beide im Alltag am besten passt.
Und wieder nope. Dein Hund drängelt sich vor, weil er sich riesig aufs Rausgehen freut, aufgeregt oder gestresst ist. Er will raus zu den spannenden Sachen, nicht die Macht übernehmen. Mit Dominanz oder Rangordnung hat das nichts zu tun.
Dein Hund braucht keine Grenzen, er braucht deinen Support. Wenn du dir wünschst, dass er an der Tür wartet, bring ihm das in kleinen Schritten bei und belohn ihn dafür. Schimpfen oder Wegschieben macht ihn nur gestresster und damit aufgeregter, dann klappt das Warten erst recht nicht.
Üb erst an der geschlossenen Tür, wenn es gar nicht rausgeht. Warte, bis dein Hund von allein ruhig stehen bleibt, und belohn ihn sofort. Steiger dich dann in Mini-Schritten: Hand an die Klinke, Klinke runter, Tür einen Spalt auf. Immer nur eine neue Sache dazu.
Genau vor der Haustür ist dein Hund am aufgeregtesten, da kommt alles zusammen. Geh erst mal selbst kurz raus und schau, was los ist, bevor dein Hund dazukommt. Und üb mit ihm in ruhigen Momenten, an der Tür zu warten, statt loszuziehen.
