Du kommst vom Gassi zurück, es hat wie aus Eimern geschüttet. Statt kurz im Flur zu warten, rennt dein Hund mit seinen vier klatschnassen, dreckverschmierten Pfoten die Treppe hoch. Und du darfst hinterherputzen, auf allen vieren, Lappen in der Hand, während dein Tee in der Küche kalt wird.
Und du denkst dir nur: „Boah, heute nervt er mich echt so hart.“
Und direkt danach: „Was bin ich eigentlich für ein Mensch, wenn ich so über meinen eigenen Hund denke?“
Kennst du das? Dann lies weiter.
Dass dein Hund dich nervt, macht dich nicht zu einem schlechten Menschen. Du hast einfach gerade einen richtig anstrengenden Tag. Ich hatte zeitweise drei Hunde an der Leine, fast 100 Kilo und Tage, an denen ich sie mir alle auf den Mond gewünscht hab. Das gehört dazu.
Und hier wird’s fies: Meistens ist es nicht mal der Hund, der den Tag versaut. Es ist das, was ich danach mit mir selbst mache. Ich ärgere mich über den Hund, dann ärgere ich mich, dass ich mich ärgere, dann bin ich schlecht drauf und schnauze noch die Person an der Kasse an. Der Hund liegt derweil längst entspannt auf der Couch und hat alles vergessen, während ich den Ärger noch stundenlang mit mir rumschleppe.
Genau da kommen die drei Dinge ins Spiel. Sie sorgen dafür, dass du nicht die halbe Stadt anschnauzt, nur weil dein Hund dir grad die Treppe vollgesaut hat. Dass du abends nicht im Bett liegst und dich fertigmachst, weil du deinen eigenen Hund heute drei Mal angemault hast.
Warum es okay ist, dass dein Hund dich nervt
Viele haben die Idee im Kopf, dass Liebe heißt:
- nie ein Konflikt
- nie genervt sein
- immer alles schön harmonisch
Und dann sitzt du da, willst deinen Hund gerade auf den Mond schießen und fühlst dich sofort mies, weil das ja angeblich nicht sein darf.
Doch, das darf sein. Und meistens liegt es nicht mal am Hund. Du hast einen vollen Kopf, zu viel um die Ohren, schläfst schlecht oder hattest schon vor dem Gassi einen miesen Start in den Tag. Du bist eh schon am Anschlag. Und dann latscht dein Hund mit dreckigen Pfoten übers frische Bettzeug und zack, siehst du rot. Nicht weil der Pfotenabdruck so schlimm ist. Sondern weil er das kleine bisschen zu viel ist, das oben drauf kommt.
Ich hab meinen Paco lieb gehabt, echt sehr. Und trotzdem: Es gab Zeiten, da wollte er irgendwann nicht mehr rausgehen und ich stand mit ihm vor der Tür, er hat sich keinen Meter bewegt, und ich war fix und fertig. Ihn lieb haben und gleichzeitig total genervt sein, das ging bei mir beides. Zur selben Zeit.
Also nein, es geht nicht darum, nie genervt zu sein. Das bekommt kein Mensch hin. Es geht darum, was du in dem Moment machst, in dem du kurz vorm Explodieren bist. Schnauzt du deinen Hund an und machst dich danach selbst fertig? Oder hast du einen Weg, da einigermaßen heil wieder rauszukommen?
Tipp 1: Atme, bevor du losstürmst
Jo, jetzt willst du mich wahrscheinlich auf den Mond schießen. I know. Aber bleib kurz dran, stay with me.
Ich hab ADHS. Ich renne oft los, bevor ich überhaupt gemerkt hab, dass ich schon auf 180 bin. Und zack, schieße ich übers Ziel hinaus, bin auf 180, obwohl mal kurz innehalten und ganz kurz nachdenken das Problem längst lösen würde. Ich schreib das genau deshalb so, weil ich ganz genau weiß, dass mir das helfen würde. Und ich es trotzdem oft einfach nicht hinbekomme.
Einmal bewusst ein- und ausatmen schiebt einen winzigen Moment dazwischen. Zwischen das, was dein Hund grad macht und das, was du grad machst. In dem Moment lockerst du deine Schultern, dann hältst du die Leine lockerer in der Hand. Und das merkt dein Hund sofort, weil kein Zug mehr auf der Leine ist. Danach kannst du viel besser überlegen, was jetzt grad wirklich wichtig ist und was du machen willst.
Podcast-Tipp Folge 135: Warum ist mein Hund so viel anstrengender als andere Hunde?
Eine Leserin vom Dog It Right Blog hat mir mal geschrieben, dass genau dieser eine Tipp, bewusst atmen, wenn die Gassirunde eskaliert, für sie und ihren Hund richtig viel verändert hat. Eine Sache, die nichts kostet und die du immer dabei hast. Auch wenn sie komplett abgedroschen ist und du die Person, die dir so einen Tipp gibt, eigentlich am liebsten mal durchschütteln willst.
Und jetzt zum Mitmachen
Damit das nicht so abstrakt bleibt: Leg beim Ausatmen deine flache Hand auf deinen Bauch oder aufs Herz. Spür, wie sich alles hebt und senkt. Diese Berührung macht aus „ich sollte mal durchatmen“ etwas, das du wirklich merkst.
Und jetzt machst du das genau wie bei deinem Hund, wenn du ihm was Neues beibringst: Du übst es zuerst da, wo alles entspannt ist. Kein Mensch bringt seinem Hund den Rückruf mitten im größten Chaos bei. Ihr fangt in der ruhigen Küche an. Genauso ist es mit dem Atmen: Übe es, wenn nichts los ist. Sonst fällt es dir im Stress nie ein.
Atme also bewusst und leg die Hand auf, zum Beispiel:
- wenn du mit deinem Hund eine Trainingseinheit startest
- wenn ihr aus der Tür geht
- wenn ihr Leinenführigkeit übt
- wenn ihr an einem anderen Hund vorbeigeht
- wenn ihr an einer Straße wartet
- wenn dein Hund doch mal bellend in die Leine springt
Je öfter du das in ruhigen Momenten machst, desto selbstverständlicher ist es da, wenn du es wirklich brauchst.
Podcast-Tipp Folge 119: Wie du mit deinem „Problemhund“ besser durchs Leben gehst
Tipp 2: Glaub nicht jede Geschichte, die dein Kopf dir erzählt
Dein Hund bellt einen anderen Hund an und in deinem Kopf geht sofort das Kino los:
- „Nicht schon wieder, der lernt das nie.“
- „Bestimmt denken jetzt alle, ich hab meinen Hund nicht im Griff.“
- „Ich mach echt alles falsch.“
Drei Katastrophen in zwei Sekunden. Dein Hund hat einmal gebellt, und in deinem Kopf ist schon alles den Bach runter.
Das Ding ist: Dein Kopf baut sich aus einem winzigen Ausschnitt eine ganze Geschichte zusammen. Und die stimmt fast nie.
Ein Beispiel, das ich nie vergessen hab. Beim Fotoshooting für mein Buch „Markertraining für Hunde“ war eine Frau mit ihrem Hund dabei. Plötzlich ruft sie ganz laut: „Hey, da hinten ist ein Hund ohne Leine!“ Ich guck hoch und denke, okay, kommt uns da grad einer reingerannt? Nein. Da hinten, richtig weit weg, machte ein Hund sein eigenes Ding. Schnüffelte, trottete neben seinem Menschen her, kam uns keinen Meter näher. Trotzdem war in ihrem Kopf längst alles passiert: Der fremde Hund rennt in ihren rein, ihr Hund rastet aus, sie steht total gestresst daneben und kann nichts tun.
Und was sie da gefühlt hat, war echt. Sie war wirklich gestresst, wirklich angespannt. Vielleicht hat sie mal so eine Situation erlebt, die genau so anfing, und ihr Körper war sofort wieder mittendrin. In Real Life ist in diesem Moment aber nichts davon passiert. Der Hund war weit weg, hat geschnüffelt und ist dann weitergegangen. Der kam nicht mal in unsere Nähe.
Deshalb, bevor dein Kopf die nächste Katastrophe ausmalt, check einfach mal, was grad wirklich abgeht. Was macht dein Hund in diesem Moment tatsächlich? Was passiert um euch herum echt, und was spielt sich nur in deinem Kopf ab?
Das kennst du eigentlich schon vom Markertraining
Stell dir einen altmodischen Hundetrainer vor (mit Absicht keine gendergerechte Sprache). Der lauert darauf, dass dein Hund einen Fehler macht, und schimpft dann. Sein ganzer Fokus liegt darauf, deinen Hund beim Fehler zu erwischen und ihm zu zeigen: Das war falsch.
Beim Markertraining läuft es andersrum. Du lauerst nicht auf den Fehler. Du wartest zum Beispiel drauf, dass dein Hund an der Leine mal locker neben dir herläuft, und in genau dem Moment gibst du dein Markersignal und belohnst ihn.
Aber dein Kopf tickt in so einem genervten Moment genau wie dieser Trainer von oben. Er lauert auf das eine Bellen, den einen Ausraster. „Gleich rennt der fremde Hund rein, gleich flippt meiner aus.“
Und da kannst du was ändern. Statt drauf zu warten, dass dein Hund gleich bellt, schau, was er in diesem Moment wirklich macht. Vielleicht läuft er gerade ganz normal neben dir. Vielleicht schnüffelt er in Ruhe am Wegrand. Vielleicht kommt euch eine joggende Person entgegen und dein Hund trottet einfach weiter, als wär nichts.
Das sind die Momente, die dein Kopf sonst komplett überspringt, weil er nur auf das eine Bellen wartet.
Und je öfter du sie siehst, desto mehr davon nimmst du mit nach Hause. Du denkst abends nicht mehr nur an die eine Situation, in der dein Hund gebellt hat. Sondern auch daran, wie er zehn Minuten vorher entspannt an der joggenden Person vorbeigelaufen ist. Wie er auf dein Rufen sofort umgedreht ist und zu dir kam. Diese Momente waren vorher auch schon da. Du hast sie nur nicht gesehen, weil dein Kopf mit dem einen Bellen beschäftigt war.
Lesetipp: Wie Markertraining im Alltag mit deinem Hund funktioniert, liest du in meinem Buch „Markertraining für Hunde“.
Tipp 3: Frag dich, was du wirklich ändern kannst
Ich meine sicher keine rosarote Brille und du sollst auch keine Probleme verdrängen. Aber mir geht es oft so, dass ich mich oft über Dinge ärgere, die keine große Sache sind. Ich rege mich auf, dass mein Laptop zu langsam läuft oder dass die Hunde trotz nasser schmutziger Pfoten gleich die Treppe hoch zu ihrem Frühstück gerannt sind. Sich zu ärgern hilft in den meisten Fällen nicht dabei, eine Lösung zu finden.
Wenn ich mich ärgere, spare ich kein Geld, um mir einen neuen Laptop zu kaufen, der bei heißen Sommertemperaturen kein Problem hat. Wenn ich mich ärgere, fällt mir auch nicht spontan ein, wie ich mit den Hunden trainieren kann, nicht sofort hungrig hochzurennen oder dass ich einfach ein Kindergitter an der Treppe befestigen sollte.
Und ohne eine Lösung für mein Problem stresse ich mich nur. Deshalb solltest du dich nicht fragen, was dich stört, sondern wie du das lösen kannst.
Und das geht nicht nur bei Kleinkram wie dreckigen Pfoten. Genau das, was dich draußen am meisten fertigmacht, kannst du oft übers Management entschärfen. Wenn dir ein Hund entgegenkommt und du schon weißt, boah, das geht gleich richtig daneben, dann weich aus. Lauf einen Bogen. Wechsel die Straßenseite. Dreh um. Mach dir den Alltag mit deinem Hund leicht, ihr müsst da nicht durch, nur weil ihr grad zufällig da langlauft.
Und Management kann noch viel mehr, als dir im Alltag Stress ersparen. Es sorgt dafür, dass dein Training überhaupt funktioniert. Denn ein Hund, der ständig am Anschlag ist, lernt trotzdem die ganze Zeit. Nur eben das Falsche: dass andere Hunde Stress bedeuten und die Welt da draußen anstrengend ist. Je seltener dein Hund in solche überfordernden Situationen gerät, desto entspannter ist er. Und erst wenn er entspannt ist, kann er das lernen, was du ihm eigentlich zeigen willst.
Deshalb sind Management und Training keine Gegensätze, sondern ein Team. Management verschafft dir und deinem Hund die ruhigen Momente sofort. Und auf diesen ruhigen Momenten baust du dann Schritt für Schritt das Training auf, mit dem dein Hund lernt: Andere Hunde sind kein Grund zur Panik. Du schaffst das.
Podcast-Tipp Folge 132: Wenn Hundetraining dich ausbrennt
Deine Aufgabe für die nächsten 5 Tage
Nimm dir für die nächsten fünf Tage eine einzige Sache vor: Sammle die schönen Momente mit deinem Hund. Halt sie abends kurz fest, ein Stichwort reicht. Und guck dabei ruhig auf genau die Situationen, die dich sonst stressen. Zum Beispiel:
- wie er morgens ganz verschlafen aus dem Körbchen tapst
- wie er sich nach dem Gassi zufrieden zusammenrollt
- wie er dich anguckt, als wärst du das Beste, was ihm je passiert ist
- wie dein Hund einen anderen Hund gesehen hat und einfach weitergeschnüffelt ist
- wie ihr an einem Hund vorbeigekommen seid und deiner ruhig geblieben ist
- wie er nach dem Bellen von selbst wieder runtergefahren ist
- wie er kurz zu dir geschaut hat, als der andere Hund auftauchte
Warum aufschreiben und nicht nur denken? Weil so ein Gedanke abends wieder weg ist. Schwarz auf weiß auf deinem Zettel steht am Sonntag plötzlich eine ganze Liste. Und dann siehst du zum ersten Mal, wie oft es eigentlich gut läuft mit deinem Hund. Auch bei genau den Begegnungen, von denen du dachtest, die gehen immer daneben.
Das eine, was dich draußen wirklich fertigmacht
Diese drei Tipps helfen dir, wenn dein Hund dich mal nervt. Aber sei mal ehrlich mit dir: Meistens bist du nicht wegen der dreckigen Pfoten am Anschlag. Sondern wegen dieser einen Sache draußen. Ein anderer Hund taucht auf und dein Hund schaltet auf Durchzug. Er zieht mit seinem ganzen Gewicht an der Leine, bellt, und du bist für ihn plötzlich Luft. Du schämst dich und denkst nur: „Nicht schon wieder.“
Und das passiert nicht ab und zu, sondern bei fast jeder Gassirunde. Da reicht es nicht, wenn nur du ruhiger wirst. Dein Hund braucht auch deinen Support, damit ein anderer Hund für ihn nicht mehr so spannend ist, dass er dich komplett vergisst.
Genau dafür hab ich meinen 0 € Guide „Endlich Gassi gehen ohne Gebell“ gemacht. Da zeig ich dir drei Strategien, mit denen ihr schon beim nächsten Spaziergang entspannter an anderen Hunden vorbeikommt.

Häufige Fragen, wenn dein Hund dich nervt
Ja, total. Du lebst jeden Tag mit einem anderen Lebewesen zusammen, das eigene Ideen hat und nicht immer das macht, was gerade in deinen Kram passt. Dass dich das manchmal nervt, heißt nicht, dass du deinen Hund weniger liebst. Es heißt nur, dass du ein Mensch bist. Beides passt problemlos nebeneinander.
Guck als Erstes, ob dein Hund vielleicht unterfordert ist oder ihm im Gegenteil alles zu viel wird. Ein Hund, der ständig nervt, sagt dir damit oft: Irgendwas passt gerade nicht. Manchmal fehlt ihm Ruhe, manchmal Beschäftigung, manchmal ist er einfach überdreht und kommt allein nicht mehr runter, manchmal ist er auch krank oder hat Schmerzen. Und schau parallel, welche Situation dich am meisten schlaucht. Oft lässt sich genau die mit einem kleinen Handgriff im Alltag entschärfen, ohne großes Training.
Nein. Fast alle Hundemenschen kennen das und keine*r spricht drüber. Du bist damit also viel weniger allein, als du gerade denkst. Wichtig ist nur, was du in so einem Moment machst: ob du dich noch tiefer reinsteigerst oder einen Weg hast, dich selbst da wieder rauszuholen. Genau dafür sind die drei Tipps in diesem Artikel da.
Fang bei der einen Sache an, die dich gerade am meisten schlaucht. Nicht bei allem gleichzeitig, das überfordert dich nur noch mehr. Such dir also einen einzigen Punkt raus und überleg dir dafür entweder einen Handgriff, der die Situation im Alltag leichter macht, oder starte da mit einem kleinen Training. Und wenn dein größtes Thema Hundebegegnungen sind, hol dir am besten meinen 0 € Guide, da hast du direkt eine Anleitung für genau diese Situation.
