Tierschutzhund Training: Ab wann und womit du wirklich anfangen solltest

Dein Tierschutzhund liegt seit einer Woche bei dir in der letzten Zimmerecke und du weißt nicht mehr weiter. Du hast 500 Instagram-Posts gelesen, drei Bücher gewälzt und wolltest eigentlich alles richtig machen. Aber der Hund guckt dich kaum an, nimmt nicht mal das teure Leckerli, das du extra für ihn gekauft hast, und haut in die andere Ecke ab, sobald du mit Geschirr oder Leine kommst. Boah, in deinem Kopf geht es immer wieder durch:

  • Muss ich meinen Tierschutzhund jetzt schon trainieren?
  • Womit fange ich an?
  • Wenn ich jetzt nicht loslege, lernt er das dann überhaupt noch?

Ganz ehrlich: Das, was du dir unter Training vorstellst, ist gerade nicht das, was dein Hund braucht. Und gleichzeitig hat Training längst angefangen. Dein Hund lernt in jedem Moment, den er mit dir erlebt. Was er lernt, hängt davon ab, was er dabei erlebt.

Als mein Hund Paco 2009 aus Spanien zu mir zog, hab ich gar nicht viel gemacht. Ich dachte, das wird sich schon finden. Er kennt mich ja, wir sind in der Stadt, er wird sich schon dran gewöhnen. Hat er nicht. 🫠 Paco hat immer mehr Angst vor Geräuschen entwickelt, und in der Stadt war das fast alles: Motorrad, Skateboard, eine zufallende Tür, ein Auto, das über eine nasse Straße fährt. Am Ende wollte Paco gar nicht mehr die Wohnung verlassen.

Uns wären Jahre erspart geblieben, in denen kaum ein entspannter Spaziergang möglich war. Deshalb bekommst du hier alles, was ich damals nicht wusste. Wie du deinen Tierschutzhund in den ersten Wochen wirklich supportest, worauf du achten solltest, welche Fehler du dir sparen darfst und was zu tun ist, wenn scheinbar gar nichts klappt.

Ein Tierschutzhund wird trainiert wie jeder andere Hund auch

Und mit „trainiert“ meine ich nicht Sitz, Platz und Fuß auf dem Hundeplatz. Gerade in den ersten Wochen und Monaten mit deinem Tierschutzhund geht es um das hier:

  • deinen Hund im Alltag beobachten
  • seine Körpersprache lesen lernen
  • erkennen, was er dir zeigt
  • seine Bedürfnisse wahrnehmen
  • sie ernst nehmen
  • und sie so gut wie möglich erfüllen

Genau darüber baut ihr eine gute Bindung auf. Spoiler: Das gilt übrigens für jeden Hund, egal woher er kommt.

Bei manchen Tierschutzhunden wird es aber trotzdem schwieriger, weil sie Bedürfnisse mitbringen, die nicht so gut in deinen Alltag passen. Ein paar Beispiele:

  • Dein Hund kommt nicht klar mit plötzlichen lauten Geräuschen, aber du wohnst mitten in der Stadt an einer viel befahrenen Straße.
  • Dein Hund erschrickt sich richtig, wenn ihr im engen Flur plötzlich einem Menschen begegnet. Ihr wohnt aber im dritten Stock in einem Mehrfamilienhaus und lauft jeden Tag an mehreren Wohnungstüren vorbei.
  • Dein Hund kann nicht allein bleiben. Du musst aber jeden Tag ins Büro, und dein Hund kann noch nicht mitkommen, weil er die vielen Menschen dort nicht aushält.

Und dann fangen die Probleme an… Dein Hund bellt jede Person im Flur an. Er zittert schon, wenn die Straße nur ein bisschen lauter wird. Er dreht durch, sobald du die Wohnung verlässt. Genau deshalb landen viele Menschen mit ihrem Tierschutzhund im Training bei mir. Sie machen nichts falsch. Ihnen hat nur lange keiner gezeigt, wie sie die Bedürfnisse ihres Hundes erkennen und im Alltag ernst nehmen können.

Podcast-Tipp Folge 97: Tierschutzhund: Erwartung & Realität

Ab wann kannst du mit deinem Tierschutzhund trainieren?

Ab Tag eins. Aber wieder: nicht Sitz und Platz. Sondern das, was oben in der Liste steht. Deinen Hund beobachten, seine Körpersprache lesen, seine Bedürfnisse wahrnehmen. Das ist Training. Und das kannst du sofort machen.

Was du in den ersten Tagen und Wochen nicht machen solltest: den großen Weltentdecker-Plan durchziehen. Also nicht am zweiten Tag stundenlang durch die Innenstadt laufen, damit er sich schon mal an alles gewöhnt. Nicht direkt bei der Hundefreundin vorbeischauen, weil die den neuen Hund unbedingt kennenlernen möchte. Und auch nicht das ganze Programm an Signalen aus dem Ratgeber-Buch abarbeiten, „weil der Hund das jetzt sofort lernen muss, sonst lernt er das ja nie mehr“. 🤡

Das alles überfordert deinen Hund und macht ihn noch unsicherer. Und ein unsicherer Hund lernt nichts Gutes, sondern nur, dass die Welt bei dir stressig ist.

Fang lieber klein an. Beobachte, wo dein Hund sich wohlfühlt. Wo er sich hinlegt. Wovor er sich duckt. Was er neugierig anschaut. Was er dir zeigt, wenn ihr rausgehen wollt. Das ist deine Grundlage für alles Weitere.

Und wenn du merkst, dass du bei der Körpersprache deines Hundes noch nicht so gut einschätzen kannst, was er dir zeigt — genau dafür gibt’s mein Video-Training Doggo Reading. Da lernst du zu sehen, was dein Hund dir zeigt, bevor er anfängt zu bellen, zu ziehen oder sich zu verkriechen. Für einen Tierschutzhund ist das Gold wert, weil du oft nur wenige Sekunden hast, um zu erkennen, dass ihm gerade was zu viel wird.

Und sobald du das siehst, willst du deinem Hund natürlich auch zeigen können: Hey, das machst du gerade richtig gut. Alles cool. Genau dafür brauchst du ein Werkzeug, mit dem du klar mit ihm kommunizieren kannst. Und das ist das Markersignal.

Das Markersignal: dein wichtigstes Werkzeug ab Tag eins

Ein Markersignal ist erst mal nur ein kurzes Wort oder ein Geräusch. Bei mir ist es „click“. Bei anderen ein „yes“, ein Schnalzen mit der Zunge oder das Klicken vom Clicker. Egal, welches Signal du wählst, es funktioniert immer nach dem gleichen Prinzip:

Du markierst die Momente, in denen dein Hund etwas macht, wofür du dich bei ihm bedanken willst und wo du dir denkst: geil, das soll er öfter machen. Und danach folgt eine Belohnung. Fertig.

Damit ist das Markersignal die Brücke zwischen dem Verhalten deines Hundes und der Belohnung. Und dadurch checkt dein Hund viel schneller, was du gerade von ihm wolltest und was du meinst. Genau das war’s, jetzt bekommst du was Tolles.

Das ist im Alltag mit deinem Tierschutzhund ein Gamechanger. Weil das Markersignal drei Dinge gleichzeitig macht:

  1. Es sagt deinem Hund: „Ja, genau das. Gleich passiert etwas Schönes.“ So weiß dein Hund sofort, worauf du dich beziehst, und muss nicht raten.
  2. Es lenkt deinen Blick auf das, was schon gut läuft (ja, ja, auch bei dir, es geht nämlich nicht nur um deinen Hund). Statt dich zu ärgern, dass dein Hund an der Leine zieht, siehst du den Moment, in dem er an lockerer Leine läuft, und fängst genau den mit dem Markersignal ein.
  3. Das Markersignal wird auch schnell zu einem Sicherheitssignal für deinen Hund. Weil danach immer verlässlich was Tolles für ihn kommt, weiß er: „Wenn mein Mensch ‚click‘ sagt, bin ich sicher. Und ich bin auch gerade selbstwirksam.“

Und all das macht das Markersignal so krass wertvoll für einen Tierschutzhund. Dein Hund ist unsicher, weiß nicht, was ihn hier alles erwartet. Und du gibst ihm mit einem einzigen Signal die Info: Danach kommt von mir was Gutes. Du bist sicher. Das reißt natürlich nicht alles raus, ist klar. Aber es ist einer der wichtigsten Bausteine, den du deinem Hund von Anfang an mitgeben kannst.

Ein Beispiel aus dem Alltag:

Ihr steht an der Ampel, ein Roller fährt vorbei, dein Hund bleibt entspannt neben dir stehen und guckt dem Roller einfach nur hinterher. Statt einfach weiterzugehen, sagst du „click“ und gibst ihm ein Leckerli. Damit hast du ein Verhalten mit einer Belohnung verknüpft, das du in eurem Alltag öfter sehen willst: ruhig bleiben, wenn was Lautes vorbeifährt.

Und gleichzeitig baust du damit für deinen Hund eine neue Verknüpfung auf: Roller bedeutet ab jetzt, dass gleich was Gutes passiert. Falls dein Hund im Hintergrund sowas denkt wie „boah, Roller sind ganz schön laut“ oder „der fährt aber schnell“, weiß er ab jetzt: Wenn son Ding vorbeifährt, kommt gleich was Leckeres von meinem Menschen. Und beim nächsten Mal, wenn wieder einer vorbeifährt, wird er wahrscheinlich schon ein bisschen entspannter sein.

Und ganz nebenbei lernt dein Hund noch, an der Ampel entspannt zu warten, ohne an der Leine zu ziehen oder zu bellen.

Wenn du sehen willst, wie das aussieht 👇

In meinem 0 € Online-Training „In 6 Schritten zu einem Hund, der auf dich hört“ zeige ich dir, wie du das Markersignal im Alltag aktiv einsetzt, damit dein Hund ansprechbar wird und auf dich hört. Auch dann, wenn draußen viel los ist. Genau das brauchst du mit einem Tierschutzhund von Anfang an.

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Und wenn du das ganze Prinzip dahinter richtig verstehen willst, findest du in meinem Buch Markertraining für Hunde genau das, was ich seit 2011 im Training mit Tausenden von Menschen und ihren Hunden umsetze.

Die ersten Wochen mit deinem Tierschutzhund: weniger machen, mehr hinschauen

In den ersten Wochen mit deinem Tierschutzhund gilt: weniger ist wirklich mehr. Kein voller Terminkalender, keine großen Ausflüge, keine Willkommensparty mit der halben Familie. Dein Hund ist gerade in einer komplett neuen Welt und braucht Zeit, um erst mal anzukommen.

Als mein Hund Paco 2009 bei mir eingezogen ist, war alles zu viel für ihn: zu laut, zu viele Autos, zu viele Menschen, zu viele andere Hunde. Sein kleines Geschäft konnte er erst nach 24 Stunden machen, sein großes erst nach 48. So gestresst war er. Und ich hab das damals nicht so ernst genommen, wie ich es hätte tun sollen.

Was deinem Hund in den ersten Wochen am meisten hilft:

  • Reize dosieren. Nicht alles auf einmal, sondern nach und nach.
  • Einen Ort zum Zurückziehen einrichten. Wo er ungestört liegen kann, wenn ihm was zu viel wird.
  • Die Basics zuerst. Futtern, schlafen und sich lösen. Der Rest kommt später.
  • Genau hinschauen. Beobachte, wie dein Hund reagiert, und pass das Tempo an ihn an.

Wenn du tiefer in das Thema erste Wochen einsteigen willst, guck dir meinen Artikel Neuer Hund zieht ein: die 3 Fehler, die das Ankommen schwer machen an. Da geht es um alles, was Menschen beim Einzug typischerweise falsch machen und um das, was stattdessen wirklich hilft.

Drei Sachen, die viele über Tierschutzhunde denken (und die einfach nicht stimmen)

Es gibt drei Sachen, die ich von Menschen mit einem Hund aus dem Tierschutz immer wieder höre. Und meistens ist es dann so, dass sie an ihrem Hund verzweifeln, obwohl das eigentliche Problem im Kopf sitzt und nicht beim Hund. Deshalb einmal Klartext.

„Er wird mir dankbar sein, dass ich ihn gerettet hab.“

Sorry, aber nein. Dein Hund weiß nicht, dass du ihn gerettet hast. Er weiß nichts von der Tötungsstation, den Wochen im Tierheim oder deinem Adoptionsvertrag. Für ihn ist das alles jetzt einfach passiert. Und jetzt sitzt er bei dir in einer komplett neuen Welt.

Dein Hund ist dir nicht dankbar. Er wird auch nicht deshalb kooperativ mit dir sein oder alles mitmachen, was du willst. Er wird dich erst mal beobachten und schauen: Bist du okay für mich? Kann ich mich auf dich verlassen? Und das kann dauern.

Das ist übrigens nicht schlimm. Es ist nur wichtig, dass du das weißt, damit du nicht enttäuscht bist, wenn dein Hund keinen dankbaren Blick zu dir rüber wirft.

„In ein paar Wochen ist er eingewöhnt.“

Das wär schön. Ist aber selten so. Die meisten Tierschutzhunde brauchen viele Monate, um wirklich anzukommen. Manche ein Jahr. Manche länger. Und „angekommen“ heißt nicht: er sitzt entspannt auf dem Sofa. Es heißt: er zeigt dir langsam, wer er wirklich ist.

Genau da kommt der berühmte „3-3-3-Regel“-Spruch aus dem Internet ins Spiel: drei Tage, drei Wochen, drei Monate. Ist ganz nett als Merksatz, aber halt total pauschal. Manche Hunde brauchen drei Wochen, manche drei Jahre.

Und dahinter steckt noch ein zweiter Gedanke, den viele im Kopf haben: „Er passt sich schon an mein Leben an, ich muss nur ein bisschen abwarten.“ Ganz ehrlich: Nein. Manche Hunde finden sich mit der Zeit in deinen Alltag ein. Manche aber auch nicht, weil ihre Bedürfnisse nicht dazu passen. Egal wie sehr du dir Mühe gibst.

Was oft passiert: Nach drei bis sechs Monaten, wenn dein Hund langsam auftaut und sich sicherer fühlt, zeigt er auf einmal Verhalten, das du in den ersten Wochen nie an ihm gesehen hast. Der stille Hund vom Anfang traut sich jetzt auch mal zu sagen: „Hey, das ist nicht cool. Verpiesel dich. Lass mich in Ruhe.“ ✋ Und für deinen Hund ist das eigentlich ein Fortschritt, weil er sich sicher genug fühlt, um zu zeigen, was er will und was nicht.

Für euren Alltag ist das trotzdem oft anstrengend. Weil dein Hund, der sich sicherer fühlt, auch mal ganz anders reagiert als in den ersten Wochen. Vielleicht schaltet er auf Durchzug, wenn du ihn rufst. Und vielleicht zeigt er auch mal Aggression in Situationen, in denen er sich vorher noch weggeduckt hat. Der Grund ist eigentlich ein guter: Angst hemmt Verhalten, auch Aggression. Wenn dein Hund weniger Angst hat, traut er sich zeigen, dass er eine Situation gerade richtig unangenehm findet.

Deshalb ist es so wichtig, dass du von Anfang an genau hinschaust:

  • Was verunsichert deinen Hund?
  • Welche Situationen sind für ihn schwierig?
  • Wo zeigt er dir jetzt schon, dass ihm was zu nah kommt?

Wenn du das mitbekommst, kannst du ihn frühzeitig supporten, ihm coole Strategien zeigen und dort gezielt trainieren, wo es wirklich Sinn ergibt.

Podcast-Tipp Folge 30: Fehler in der Eingewöhnungszeit von Tierschutzhunden

„Wenn er nur genug Liebe bekommt, wird das schon.“

Ganz ehrlich: Liebe reicht nicht. Das klingt hart, ich weiß. Deine Liebe zu deinem Hund ist auch nicht das Problem, im Gegenteil, sie ist die Basis für alles.

Für mich ist Liebe zum Hund vor allem eine Haltung: dass es nichts auf der Welt gibt, was es rechtfertigen würde, deinem Hund wehzutun oder ihn zu erschrecken. Diese Haltung ist mir sehr wichtig. Aber sie ersetzt kein Wissen über Hundetraining. Nur weil du deinen Hund liebst, weißt du noch lange nicht, wie du ihm hilfst, wenn er Angst vor Männern mit Hut hat. Oder wie du ihm zeigst, dass eine lockere Leine eine coole Idee ist, und er dich nicht die ganze Zeit durch die Gegend zerrt, bis dir die Schulter auskugelt.

Und wenn wir schon dabei sind: „Ich liebe meinen Hund“ sagen alle.

Auch die, die mit ihm nicht fair umgehen. Deshalb sagt der Satz nichts darüber, wie euer Zusammenleben tatsächlich läuft. Was du zusätzlich brauchst, ist Wissen darüber, wie Hunde lernen, wie du das Verhalten deines Hundes verstärkst, das du im Alltag öfter sehen willst, und wie du deinen Hund in schwierigen Situationen wirklich supporten kannst.

Und genau in diesen schwierigen Situationen zeigt sich deine Haltung erst richtig. Wenn dein Hund an der Leine hängt, den anderen Hund gegenüber anbrüllt und die halbe Nachbarschaft rüberguckt, ist Liebe für dich in dem Moment vielleicht schnell nicht mehr spürbar. Das ist der Moment, in dem viele Menschen denken: „So, jetzt muss ich mich aber durchsetzen.“ Der Ton wird härter, der Ruck an der Leine kommt.

Genau dann entscheidet sich, wie du mit deinem Hund umgehst. Und genau darauf solltest du dich mit deinem Training vorbereiten. Deshalb mache ich Hundetraining: damit die Menschen, die bei mir im Training sind, in solchen Momenten wissen, was sie tun können. Ohne dabei scheiße zu ihrem Hund zu werden.

Damit fängst du im Training mit deinem Tierschutzhund wirklich an

Die typischen Signal-Listen aus dem Internet kannst du erst mal komplett vergessen. Dein Tierschutzhund braucht in den ersten Wochen und Monaten kein Sitz, kein Platz, kein Bleib und schon gar kein stundenlanges Fuß laufen. Das kommt später, wenn ihr euch besser kennt. Oder auch gar nicht, wenn ihr es im Alltag nicht braucht.

Was dir und deinem Hund am Anfang am meisten bringt:

  • Markersignal aufbauen. Damit habt ihr eine erste gemeinsame Sprache, und dein Hund lernt, dass nach diesem Signal immer etwas Gutes kommt.
  • Belohnungen aufbauen. Viele Tierschutzhunde nehmen draußen erst mal gar kein Futter. Das heißt nicht, dass sie nicht wollen. Sie können gerade nicht. Fang drinnen an, wo dein Hund entspannt ist, und arbeite dich langsam nach draußen vor. Warum dein Hund draußen kein Futter nimmt, hab ich dir in diesem Artikel ausführlich aufgeschrieben.
  • Freiwillige Aufmerksamkeit belohnen. Immer wenn dein Hund von sich aus zu dir guckt, ohne dass du ihn gerufen hast, fängst du das mit deinem Markersignal ein und belohnst ihn dafür. Das ist die Basis für alles, was später kommt.
  • Kooperation beim Geschirr, an der Leine und in der tiermedizinischen Praxis. Zeig deinem Hund, dass er mitentscheiden darf. Dass du wartest, bis er den Kopf selbst durch das Geschirr steckt, statt es ihm über den Kopf zu ziehen. Damit ersparst du dir später sehr viel Stress.

Klingt das nach wenig? Ist es nicht. Wenn dein Hund diese Sachen kann, habt ihr eine Basis, auf der ihr alles Weitere aufbauen könnt. Und dein Hund hat gelernt, dass er sich auf dich verlassen kann. Genau das brauchst du für alles, was im echten Leben mit deinem Hund auf euch zukommt.

Lesetipp: Du willst einen Hund adoptieren? 6 Tipps vor der Anschaffung – falls dein Hund noch nicht bei dir eingezogen ist.

Wenn im Training nichts klappt: daran liegt es meistens

Du hast alles probiert, aber irgendwie kommt nichts an bei deinem Hund. Er nimmt draußen kein Futter, reagiert nicht auf dein Markersignal, guckt dich nicht mal an. Das ist frustrierend und du fängst an zu denken, dass du das einfach nicht kannst.

Kannst du. Nur liegt es meistens an einem von diesen vier Punkten:

Das Stresslevel ist zu hoch. Gerade wenn dein Tierschutzhund noch unsicher ist, steht er oft dauerhaft unter Strom. Und ein Hund unter Strom lernt vor allem, dass die Welt anstrengend ist. Sein Gehirn ist mit ganz anderen Sachen beschäftigt. Wenn du merkst, dass in eurer Umgebung einfach zu viel los ist, geh mit deinem Hund an ruhigere Orte, mach kürzere Runden und gib ihm mehr Zeit zwischen den Reizen. Manchmal ist der wichtigste Trainingsschritt, erst mal weniger zu machen.

Die Belohnung passt nicht. Vielleicht mag dein Hund das Futter nicht, das du dabei hast. Vielleicht ist er zu gestresst, um zu fressen. Vielleicht ist ihm gerade etwas ganz anderes wichtiger, zum Beispiel eine Spur, die er schnüffeln will. Probier verschiedene Sachen aus und beobachte, was dein Hund in welcher Situation überhaupt annehmen kann.

Da steckt etwas Gesundheitliches dahinter. Das wird super oft übersehen. Ein Hund mit Schmerzen, Magenproblemen, Juckreiz oder einer Schilddrüsenunterfunktion ist im Dauerstress und lernt schlechter. Wenn du viel trainierst und trotzdem nichts vorangeht, lass deinen Hund einmal komplett durchchecken. In der tiermedizinischen Praxis findet sich öfter was, als du denkst.

Du willst zu viel auf einmal. Vielleicht ist der Schritt, den du gerade übst, für deinen Hund noch zu groß. Dann mach ihn kleiner. Und wenn er immer noch zu groß ist, mach ihn noch kleiner. Kleinschrittig heißt wirklich kleinschrittig, viel kleiner, als die meisten Menschen denken.

Brauchst du eine Hundeschule mit einem Tierschutzhund?

Ja, hol dir früh Support. Nur bitte nicht in der Boomer-Gruppenstunde. 🤡

Du kennst die: zehn Hunde laufen im Kreis, alle sollen gleichzeitig Sitz machen, und wer nicht mitkommt, „muss da halt durch“. Deinem Tierschutzhund bringt das nichts. Entweder ist es für ihn zu viel und er lernt vor allem, dass andere Hunde nah und stressig sind. Oder es passiert einfach gar nichts, und ihr habt eine Stunde eures Lebens verbracht, in der ihr genauso gut eine Matcha Latte trinken oder mit deinem Hund auf dem Sofa Netflix gucken könntest. Ich halte solche Gruppenstunden generell für sinnlos, egal woher der Hund kommt.

Such dir stattdessen ein Training, das dir zeigt, wie du deinen Hund liest. Das mit dir zusammen guckt, welche Situationen bei euch im Alltag schwierig sind, und dir dafür Strategien gibt, die du sofort ausprobieren kannst. Und das ohne Druck arbeitet.

Warum Onlinekurse für Tierschutzhunde oft die bessere Wahl sind

  • Du bestimmst das Tempo: Wann ihr übt, wie oft, wie lange, wie viele Pausen. Genau das braucht ein Hund, der noch nicht viel aushält.
  • Dein Hund muss nirgendwohin gurken: Ihr müsst nicht ins Auto oder in die Bahn und ihr landet auch nicht an einem fremden Ort, an dem dein Hund vor allem lernt, dass es dort ungemütlich ist. Ihr übt genau da, wo ihr auch lebt.
  • Du wirst geschult, nicht dein Hund vorgeführt: Was du zu Hause und auf euren Runden ausprobierst, bringt euch im Alltag viel mehr als ein Sitz vor einer Gruppe fremder Hunde.
  • Du kannst schon anfangen, bevor dein Hund einzieht: Das ist mein absoluter Lieblingspunkt. Du probierst Strategien aus, weißt vom ersten Tag an, was du tust und fühlst dich schon sicher, wenn dein Hund bei dir ankommt.

Mein größter Fehler mit meinem Tierschutzhund Paco

Ich weiß, wie wichtig früher Support ist, weil ich ihn mir damals selbst nicht geholt hab. 🫠

Ich hab gedacht, das findet sich schon. Der gewöhnt sich dran. Ist er nicht. Pacos Angst vor Geräuschen ist über ein paar Monate immer schlimmer geworden, bis er gar nicht mehr aus der Wohnung wollte. Und ich hab dann jahrelang gebraucht, um ihm wirklich zu helfen. Hätte ich mir gleich am Anfang Support geholt, wäre uns beiden viel erspart geblieben.

Also: Hol dir früh Support. Nicht erst dann, wenn es richtig kracht.

Lesetipp: Acht Jahre mit einem Hund aus dem Tierschutz – wie das Leben mit Paco langfristig aussah, mit allem, was dazugehört.

Das Wichtigste für den Start mit deinem Tierschutzhund

Dein Hund liegt vielleicht immer noch in der Ecke und guckt dich kaum an. Und du fragst dich, ob du irgendwas falsch machst.

Machst du nicht. Du bist gerade dabei, deinen Hund kennenzulernen. Genau das ist der Anfang von allem.

Was dir jetzt am meisten bringt:

  • Beobachte deinen Hund und lerne, seine Körpersprache zu lesen
  • Erkenne, welche Bedürfnisse er hat, und nimm sie ernst
  • Bau dein Markersignal auf und zeig ihm damit, wenn etwas gut läuft
  • Gib euch beiden die Zeit, die ihr braucht

Wenn du sehen willst, wie das im Alltag aussieht und wie dein Hund lernt, auf dich zu hören, auch wenn draußen viel los ist, dann schau dir mein 0 € Online-Training an. Da zeige ich dir Schritt für Schritt, wie du das Markersignal aktiv einsetzt, damit dein Hund ansprechbar wird.

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Und wenn du das Prinzip dahinter komplett verstehen willst, findest du in meinem Buch Markertraining für Hunde alles, was ich seit 2011 mit Tausenden von Menschen und ihren Hunden trainiere.

 

Häufige Fragen zum Training mit einem Tierschutzhund

Ab wann kann ich meinen Tierschutzhund trainieren?

Ab dem ersten Tag. Nur eben nicht mit Sitz und Platz, sondern damit, dass du deinen Hund beobachtest, seine Körpersprache liest und dein Markersignal aufbaust. Alles, was danach kommt, baut darauf auf.

Wie lange braucht ein Tierschutzhund, um sich einzugewöhnen?

Das ist bei jedem Hund anders. Manche brauchen ein paar Wochen, viele mehrere Monate, manche über ein Jahr. Und eingewöhnt heißt nicht, dass dein Hund entspannt auf dem Sofa liegt. Es heißt, dass er dir zeigt, wer er wirklich ist. Und das kann auch bedeuten, dass er auf einmal Sachen zeigt, die du vorher nie an ihm gesehen hast.

Wie trainiere ich einen unsicheren Tierschutzhund?

Kleinschrittig und erst mal mit viel Abstand zu allem, was ihn verunsichert. Ein unsicherer Hund lernt nicht besser, wenn du ihn in Situationen bringst, die er nicht aushält. Fang da an, wo er entspannt bleiben kann, trainiere mit einem Markersignal und geh in kleinen Schritten weiter.

Wie erziehe ich einen Hund aus dem Tierschutz?

Genauso wie jeden anderen Hund: über Belohnung und darüber, dass du dir anschaust, was dein Hund braucht. Der Unterschied ist, dass du bei einem Hund aus dem Tierschutz oft nicht weißt, was er vorher erlebt hat. Deshalb ist genaues Beobachten am Anfang wichtiger als jedes Signal.

Braucht mein Tierschutzhund eine Hundeschule?

Support von Anfang an ist eine gute Idee. Nur nicht in einer Gruppenstunde mit zehn fremden Hunden. Such dir ein Training, das dir zeigt, wie du deinen Hund liest und wie du in euren schwierigen Alltagssituationen reagierst. Onlinekurse passen für Tierschutzhunde oft besonders gut, weil ihr in eurem eigenen Tempo und in eurer eigenen Umgebung trainiert.

Ulrike Seumel

Ulrike Seumel ist ausgebildete Hundetrainerin, Coach, Autorin des Buches „Markertraining für Hunde“ und Gründerin von Dog It Right®. Seit 2011 arbeitet sie hauptberuflich im Hundetraining, seit 2013 online.

Sie begleitet Menschen, deren Hunde wie auf einem anderen Planeten sind, sobald irgendwo ein anderer Hund auftaucht.

Dog It Right steht nicht für Dominanz, Gehorsamsdenken oder „sich durchsetzen“, sondern für ein Training, das ohne Machtspielchen auskommt und im echten Leben funktioniert, nicht auf dem Hundeplatz.

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