Es ist spät, langsam Zeit fürs Bett. Du hast die große Runde gedreht, gespielt, dein Hund müsste jetzt platt sein. Und was macht er? Steht auf. Legt sich hin. Steht wieder auf. Tigert durch die Wohnung, checkt am Fenster, kommt zu dir, dreht wieder ab. Du sitzt da und denkst: warum kommt er einfach nicht zur Ruhe? Stimmt was nicht mit ihm?
Kenn ich. Mein Tierschutzhund Paco war so ein Flummi. Ich gab ein Signal, eine Millisekunde saß er, zwei Millisekunden später flitzte er schon weiter, weil er ja noch so viel zu tun hatte. Sobald ich nur daran dachte aufzustehen, sprang er schon mit hoch. Und ganz ehrlich: er war immer schneller als ich.
Jetzt denkst du wahrscheinlich: mein Hund muss halt mehr ausgelastet werden, dann wird er ruhiger. Genau das dachte ich 2009 bei Paco auch. Spoiler: hat nicht funktioniert und funktioniert auch bei deinem Hund nicht. Bei den meisten Hunden, die nie runterkommen, ist zu wenig Auslastung nicht das Problem. Im Gegenteil. Noch eine Runde, noch ein Spiel, noch eine Fahrradtour macht deinen Hund oft noch aufgedrehter statt ruhiger.
Dein Hund ist nicht kaputt. Es gibt mehrere Gründe, warum ein Hund nicht zur Ruhe kommt und „der braucht noch eine Runde“ ist fast nie einer davon. Hier gehen wir die Gründe durch und schauen, was deinem Hund wirklich hilft.
Ruhig ist nicht dasselbe wie entspannt
Stopp, kurz aufräumen, bevor wir loslegen. Denn viele Menschen meinen dasselbe, wenn sie „ruhig“ und „entspannt“ sagen. Ist es aber nicht.
Ruhig ist, was du von außen siehst. Dein Hund liegt, bewegt sich nicht, macht keinen Mucks. In ihm drin kann trotzdem alles auf Hochtouren laufen. Ein Hund kann mucksmäuschenstill unter dem Tisch liegen und innerlich komplett unter Strom stehen:
- die Muskeln angespannt
- die Ohren auf Empfang, jedes Geräusch wird gescannt
- jederzeit bereit, wieder hochzuschnellen
- das Stresslevel oben
Entspannt sieht anders aus:
- das Erregungslevel ist unten
- die Muskeln sind locker, der Körper weich, die Wirbelsäule kurvig
- das Stresslevel ist niedrig
- dein Hund ist ansprechbar und kann denken
Ein ruhiger Hund hält vielleicht nur still. Ein entspannter Hund fühlt sich gut dabei. Und nur dann erholt sich dein Hund auch wirklich.
Dein Hund muss nicht immer tiefenentspannt sein
Keine Sorge, dein Hund muss dafür nicht den ganzen Tag friedlich vor sich hin dösen. Stell dir vor, du sitzt mit deinen Freund*innen zusammen, eine erzählt was richtig Lustiges, alle prusten los und du sollst dabei tiefenentspannt bleiben. Oder dein Lieblingsmensch kommt nach Wochen zur Tür rein und du sollst ruhig sitzen bleiben. Unmöglich, oder? Und auch gar nicht schön.
Für deinen Hund gilt dasselbe. Er darf aufdrehen. Darf beim Spielen über die Wiese fetzen, darf einem Ball hinterherjagen, darf am Napf schon zappeln, wenn es gleich Futter gibt. Wichtig ist nur, dass er danach auch wieder runterkommt und nicht den ganzen Tag unter Strom steht.
Zwangskuscheln macht das Gegenteil von entspannt
Kennst du das Bild vom entspannten Hund, der eng an seinen Menschen gekuschelt daliegt? Sieht super aus. Klappt nur nicht, indem du deinen Hund festhältst.
Kuscheln entspannt deinen Hund nur, wenn er es in dem Moment auch will. Presst du ihn an dich, obwohl er gerade lieber Abstand hätte, passiert das Gegenteil: er kann nicht weg, hält still, erträgt es und wird dabei angespannter statt lockerer. Das ist Zwangskuscheln und das bringt für die Entspannung gar nichts.
Unsere Hündin Ami war so eine. Sie lag total gern dicht neben uns, fast angelehnt. Aber gestreichelt oder festgehalten werden? Fand sie meistens nur so semi. Am liebsten schob sie ihren Kopf hinter unseren Rücken und wollte einfach einen Arm auf sich haben, mehr nicht. Hätten wir sie zum Kuscheln gezwungen, hätte sie sich garantiert nicht entspannt.
Wenn dein Hund also nah bei dir liegen mag, aber Anfassen nicht so seins ist: setz dich einfach dazu und lies was, check Instagram oder schau was auf Netflix. Er bekommt seine Nähe, du zwingst ihm nichts auf und genau so wird’s für ihn ein toller Moment.
Woran es liegt, dass dein Hund nicht zur Ruhe kommt
Ich mache das jetzt seit 2011 und eine Sache ist fast immer mit im Spiel: Hintergrundstress. Das ist der Stress, der bei deinem Hund den ganzen Tag leise mitläuft, ohne dass ein einzelnes großes Drama schuld ist. Kennst du das, wenn du selbst so einen Tag hast, an dem hundert Kleinigkeiten nerven? Jede einzelne ist harmlos, aber am Abend bist du durch und explodierst beim kleinsten Anlass. Bei deinem Hund ist es dasselbe. Es kommt immer mehr Stress dazu und je mehr sich anstaut, desto schwerer kommt dein Hund runter.
Die gute Nachricht: An fast jeder dieser Stress-Sachen kannst du etwas ändern, wenn du erstmal weißt, welche es ist. Kommen wir zu den häufigsten.
Lesetipp: 3 Dinge, an denen du Stress bei deinem Hund erkennst
1. Zu viel Action, zu viele Reize
Das ist der Klassiker und der, den kaum wer auf dem Schirm hat. Denn bei einem aufgedrehten Hund sagen alle sofort dasselbe: „Oh, der muss mal richtig ausgepowert werden.“ Also noch eine Extra-Gassirunde, mehr Hundesport, noch ein Playdate, am Wochenende die große Hundewanderung. Und dann wunderst du dich, dass dein Hund abends nicht platt ist, sondern nur noch drüber.
Klar macht viel Action deinem Hund Stress. Und ein bisschen Stress ist auch überhaupt kein Problem, solange dein Hund damit umgehen kann und es nicht zu viel wird. Dein Hund soll die Welt erleben, schnüffeln, Hundekumpels treffen, was Neues sehen. Das regt ihn an, macht ihm Spaß und danach kann er gut wieder runterkommen.
Zum Problem wird es, wenn der Stress kein Ende findet. Und da zählt nicht nur die schöne Action mit rein. Auch alles, was deinem Hund Angst macht, ihn verunsichert oder ihm wehtut, ist Stress. Der laute Müllwagen, der Konflikt mit dem anderen Rüden, die Baustelle mit dem Presslufthammer, an der ihr vorbei müsst. Das alles kommt oben drauf.
Ohne Pausen staut sich der Stress
Stress verschwindet nicht auf Knopfdruck, sobald ihr wieder zu Hause seid. Der Körper deines Hundes braucht danach eine ganze Weile, um wieder runterzufahren. Bekommt er diese Zeit nicht, weil schon die nächste aufregende Sache ansteht, bleibt der Stress von vorhin einfach da. Der nächste kommt oben drauf, bevor der erste weg ist und so stapelt sich das immer weiter, bis dein Hund komplett drüber ist.
Beim Sport kennst du das vielleicht von dir selbst. Wenn du mit dem Joggen anfängst und jeden Tag läufst, ohne deinem Körper mal einen Tag Pause zu gönnen, wirst du nicht fitter. Du wirst platt, dir tut alles weh, vielleicht verletzt du dich sogar. Dein Hund braucht diese Pausen genauso.
So bringst du deinem Hund aus Versehen das Falsche bei
Und jetzt kommt der Teil, der echt gemein ist. Stell dir vor, dein Hund kommt Tag für Tag immer erst dann zur Ruhe, wenn er sich vorher komplett verausgabt hat. Sein Gehirn merkt sich das: erst die große Action, dann kann ich abschalten. Die zwei gehören für ihn jetzt zusammen.
Damit lernt dein Hund ausgerechnet das Gegenteil von dem, was du willst. Nämlich dass er erst richtig hochfahren muss, bevor er überhaupt runterkommt. Dabei kann dein Hund auch lernen, ganz ohne großes Programm zur Ruhe zu kommen. Wie das geht, zeige ich dir weiter unten.
2. Ein Bedürfnis ist nicht erfüllt
Manchmal kommt dein Hund nicht runter, weil ihm gerade etwas fehlt. Und das ist oft viel banaler, als du denkst.
Stell dir vor, ihr kommt vom Gassi rein, du willst dich endlich aufs Sofa fallen lassen und dein Hund steht mitten im Raum und fiept. Läuft zur Tür, kommt zurück, fiept wieder. Du denkst: „Was ist denn jetzt schon wieder?“ Dabei hast du vorhin nicht gecheckt, dass sein kurzes Zögern an der Haustür schon hieß: ich muss nochmal.
Solange bei deinem Hund noch was offen ist, kann er nicht abschalten:
- Er muss mal. Ein Hund mit voller Blase liegt genauso ungern entspannt rum wie du auf einer langen Autofahrt ohne Rastplatz in Sicht.
- Er hat Hunger. Kennst du das Gefühl, wenn du richtig Hunger hast und nicht weißt, wann es endlich was gibt? Dann wirst du hibbelig und mies gelaunt. Deinem Hund geht es genauso, nur kann er sich nicht mal eben was aus dem Kühlschrank nehmen.
- Ihm fehlt Schnüffeln. Für Hunde eins der wichtigsten Dinge überhaupt und im Alltag kommt es meistens viel zu kurz.
Seeking: dein Hund will die Welt erkunden
Für das Bedürfnis deines Hundes, seine Umwelt zu erkunden, gibt es einen Fachbegriff: Seeking. Einer Spur folgen, herausfinden, wer hier lang ist, gucken, was da hinten passiert. Das macht deinen Hund zufrieden und danach angenehm müde.
Nur passt das mit unserer Welt oft schlecht zusammen:
- Dein Hund läuft an der Leine und darf nicht überall hin, weil da eine Straße ist.
- Ihr müsst weiter, weil du zur Arbeit musst.
- Er will nach links zur Spur, du gehst nach rechts.
Jedes Mal, wenn er einer spannenden Sache nicht nachgehen darf, wird er frustriert. Und Frust sorgt für Stress. Genau den wollen wir ja loswerden.
Lass deinen Hund schnüffeln
Stell dir vor, du kommst neugierig in eine fremde Stadt und willst alles sehen. Aber kaum bleibst du stehen, zieht dich deine Begleitung am Arm weiter. Ein Blick ins Schaufenster, weiter. Aufs Straßenschild, weiter. Am Ende bist du total genervt und weißt trotzdem nicht, wo du eigentlich warst.
So geht es deinem Hund, wenn du ihn ständig weiterziehst. Also lass ihn schnüffeln. An einer langen Leine, in seinem Tempo, da wo er will und so lange, wie er mag. Du wirst dich wundern, wie zufrieden und müde er nach so einem Spaziergang nach Hause kommt.
3. Dein Hund hat Angst vor etwas
Manchmal ist es Angst, die deinen Hund nicht zur Ruhe kommen lässt. Und oft ist es etwas, das du selbst kaum wahrnimmst, weil es für dich zum Alltag gehört. Ein Geräusch, das du längst nicht mehr hörst. Etwas, das für dich dazugehört, deinem Hund aber jedes Mal einen kleinen Schreck einjagt.
Ein paar Beispiele für Ängste, die leicht untergehen:
- Der Kühlschrank, der leise anspringt.
- Das Fenster, das im Wind klappert.
- Der Staubsauger, schon wenn du ihn nur aus dem Schrank holst.
- Ein Gewitter, das noch Stunden entfernt ist, aber dein Hund spürt es schon in der Luft.
Das Fiese daran: Weil kein lauter Knall dabei ist, denkst du dir nichts. Dein Hund aber schon. Ein Teil von ihm bleibt die ganze Zeit wachsam und ein gestresster Hund kann nicht abschalten.
So findest du raus, was deinem Hund zu schaffen macht
Wenn dein Hund immer wieder in bestimmten Momenten nicht zur Ruhe kommt, führ ein kleines Tagebuch. Schreib ein paar Tage lang auf, wann er unruhig wird und was gerade drumherum passiert:
- Zu welcher Tageszeit ist er unruhig?
- Wie ist gerade das Wetter draußen?
- Was war direkt vorher los?
- Passiert es drinnen oder seid ihr draußen unterwegs?
- Ist gerade Besuch da oder seid ihr allein?
- Läuft irgendein Geräusch, das du sonst überhörst?
Nach ein paar Tagen siehst du oft ein Muster. „Immer wenn es draußen dunkel wird.“ Oder „immer nach dem Abendspaziergang.“ Oder „immer, wenn Gewitterluft in der Nähe ist.“ Und sobald du weißt, was deinem Hund zu schaffen macht, kannst du ihn gezielter unterstützen und planen, wie du ihn mit Training Stück für Stück darauf vorbereitest.
Lesetipp: Geräuschangst bei Hunden
4. Der Grund, den fast alle übersehen: die Gesundheit
Diesen Punkt würde ich am liebsten auf ein Riesenbanner drucken. Denn er wird so oft vergessen und so oft ist er der Schlüssel: Wenn dein Hund einfach nie zur Ruhe kommt, egal was du machst, lass ihn tiermedizinisch durchchecken.
Ich fühle mich manchmal wie eine kaputte Schallplatte, so oft sage ich diesen Satz. Aber es steckt wirklich verdammt häufig etwas Gesundheitliches dahinter.
Denk mal an dich selbst: Wenn du Zahnschmerzen hast oder dir der Rücken zwickt, kommst du abends auch nicht einfach zur Ruhe. Du wälzt dich rum, findest keine gute Position, bist gereizt. Deinem Hund geht es genauso, nur kann er dir nicht sagen, was los ist.
Ein paar Sachen, die richtig oft dahinterstecken:
- Schmerzen. Ein Hund, der wehtut, findet keine bequeme Position und wandert rastlos herum.
- Die Schilddrüse. Eine Unterfunktion kann für Unruhe und Hibbeligkeit sorgen.
- Magen und Darm. Wenn im Bauch was zwickt, kann dein Hund schlecht entspannt liegen bleiben.
- Juckreiz und Allergien. Wenn es überall kribbelt und juckt, kommt kein Hund zur Ruhe.
Das Tückische: Am Anfang zeigt dein Hund dir nur, dass irgendwas nicht stimmt. Er ist unruhig, hibbelig, kommt nicht runter. Die klaren körperlichen Anzeichen kommen oft erst viel später dazu.
Und das eine bedingt das andere. Dauerhafter Stress macht deinen Hund mit der Zeit krank. Und wenn ihm körperlich was fehlt, bedeutet das noch mehr Stress für ihn. Was zuerst da war, lässt sich oft gar nicht mehr sagen. Deshalb: Bevor du an ganz vielen Stellschrauben im Training drehst und dich wunderst, warum sich nichts ändert, lass tiermedizinisch abklären, ob es deinem Hund körperlich wirklich gut geht.
Was du für einen entspannteren Hund tun kannst
Vielleicht hast du beim Lesen schon zwei, drei Sachen erkannt, die auf deinen Hund zutreffen. Yes, genau da setzen wir jetzt an. Und falls du noch gar nicht weißt, woran es bei deinem Hund liegt: kein Problem. Alles, was jetzt kommt, kannst du trotzdem umsetzen. Es tut jedem Hund gut, egal was der Grund ist.
Dein Hund braucht mehr Schlaf, als du denkst
Fangen wir beim Schlaf an. Viele Hunde schlafen nämlich zu wenig und das merkt kaum wer.
„Meiner pennt doch den ganzen Tag“, denkst du jetzt vielleicht. Aber guck mal genauer hin. Oft döst dein Hund nur vor sich hin, fährt bei jedem Geräusch hoch, ist die ganze Zeit mit einem halben Ohr dabei. Echter, tiefer Schlaf sieht anders aus.
Dabei brauchen Hunde richtig viel davon:
- Ein erwachsener Hund kommt auf etwa 18 Stunden am Tag.
- Junge Hunde, Welpen oder Hunde, die schnell überfordert sind, brauchen sogar 20 bis 22 Stunden.
Das muss nicht alles Tiefschlaf sein, dösen und ruhen zählt mit. Aber wenn dein Hund deutlich darunter liegt, fehlt ihm was Wichtiges. Denn ein übermüdeter Hund wird nicht etwa ruhiger, sondern immer zappeliger. Vielleicht kennst du das von dir selbst: Du bist eigentlich todmüde, aber statt einzuschlafen wirst du kribbelig, gereizt und kommst einfach nicht runter. Deinem Hund geht es genauso.
Was ihm hilft: feste Ruhezeiten, die jeden Tag ungefähr gleich sind. Ein Zeitfenster, in dem bei euch nichts los ist und dein Hund einfach schläft. Wenn diese Ruhezeit jeden Tag zur selben Zeit kommt, stellt dein Hund sich darauf ein und schläft irgendwann von allein in diesem Fenster.
Bau deinem Hund einen Lieblingsplatz
Dein Hund braucht einen Ort, der nur ihm gehört. Einen Lieblingsplatz, an dem er sich sicher fühlt, richtig entspannen kann und immer wieder was Tolles erlebt. Im Training nenne ich diesen Ort die Komfortzone, aber Lieblingsplatz trifft es eigentlich besser.
Als Lieblingsplatz eignet sich, was dein Hund am liebsten mag:
- ein Hundebett
- eine Decke
- ein Körbchen
- eine offene Box
Mein Tipp: Nimm ein gemütliches Bett oder Körbchen und leg eine Decke obendrauf. Das Bett ist weich genug, dass dein Hund wirklich gern draufliegt. Und die Decke kannst du überallhin mitnehmen, zu Freund*innen, ins Café, in den Urlaub. So hat dein Hund an fremden Orten sofort sein vertrautes Stück dabei und fährt dadurch viel leichter runter.
Lesetipp: So bleibt dein Hund entspannt allein
So wird daraus wirklich sein Lieblingsplatz
Ein Bett allein reicht nicht. Der Ort wird erst dann zum Lieblingsplatz, wenn dein Hund dort immer wieder Schönes erlebt:
- Seine Kauartikel bekommt er genau dort, den Kong, den Kauknochen und alles andere, worauf er gern rumkaut.
- Legt er sich von allein hin, gibst du dein Markersignal und wirfst ihm ein Leckerli hin oder lobst ihn ruhig mit deiner Stimme. Das Markersignal ist ein kurzes Wort oder ein Klick, mit dem du deinem Hund genau in dem Moment sagst: „Ja, genau das, danke und jetzt bekommst du eine Belohnung.“.
- Ihr kuschelt dort, wenn er das mag, oder du setzt dich einfach dazu.
Und noch was Grundsätzliches: Deinen Hund meckerst du sowieso nicht an, aber an seinem Lieblingsplatz erst recht nicht. Er wird dort auch nie zur Strafe hingeschickt. Denn dieser Rückzugsort soll ihm später helfen, runterzukommen, wenn es stressig wird. Und das klappt nur, wenn er dem Ort zu hundert Prozent vertraut.
Buchtipp: In meinem Buch Markertraining für Hunde* zeige ich dir Schritt für Schritt, wie du mit dem Markersignal trainierst.
Mit der Zeit passiert dann was richtig Geniales: Dein Hund geht von allein auf seinen Lieblingsplatz, wenn er runterfahren will. Du kennst das vielleicht, wenn ihr von der Gassirunde reinkommt: Statt aufzudrehen, marschiert er schnurstracks zu seinem Platz und pennt erstmal. Er sucht ihn sich selbst, weil er weiß, dass es ihm dort gut geht.
Noch stärker wird der Lieblingsplatz, wenn du ihn mit konditionierter Entspannung verknüpfst. Dann ist der Ort nicht nur schön, sondern hilft deinem Hund noch mehr, runterzukommen. Wie du ein Entspannungssignal aufbaust, zeige ich dir hier:
Lesetipp: Wie du Entspannungssignale bei deinem Hund aufbaust
Belohne deinen Hund fürs Nichtstun
Das hier klingt erstmal komisch, ist aber einer der stärksten Hebel überhaupt: Belohne deinen Hund dafür, dass er ruhig ist.
Die meisten machen es andersrum, ohne es zu merken. Dein Hund fiept, schleppt dir sein Spielzeug an und schmeißt es dir auf den Schoß? Da reagierst du sofort. Und wenn er dann mal ruhig in der Ecke liegt, bist du froh und lässt ihn in Ruhe, bloß nicht stören. Für deinen Hund heißt das: Action lohnt sich, da passiert was. Ruhig in der Ecke chillen bringt nix.
Eine wichtige Ausnahme vorweg: Wenn dein Hund richtig schläft, lässt du ihn bitte in Ruhe. Immer. Schlaf ist heilig und wird nicht gestört.
Aber in den Momenten, in denen dein Hund wach in seiner Ecke döst und dich gerade nicht ansabbert, da darfst du ihn beachten. Zeig ihm ganz ruhig, dass du das gut findest:
- Leg ihm ein Leckerli zwischen die Vorderpfoten.
- Streich einmal sanft über ihn.
- Oder lächel ihn einfach an.
Bleib dabei selbst ruhig und in deiner normalen Stimme, damit dein Hund weiter chillt und nicht gleich wieder hochfährt.
Und dann noch eine kleine Aufgabe für dich: Achte mal einen Tag lang drauf, wie oft du auf deinen Hund reagierst, wenn er dir was anschleppt, Gas gibt oder unruhig ist. Und wie oft, wenn er einfach nur chillig daliegt. Ich mach das jetzt seit 2011 und ganz ehrlich, ich weiß jetzt schon, wie das Ergebnis bei dir aussehen wird.
Wie sich der Alltag für deinen Hund anfühlt
Ob dein Hund entspannt sein kann, hängt nicht nur von seinem Lieblingsplatz ab. Was viel mehr zählt, ist sein ganzer Alltag. Und da kommt ein Wort ins Spiel, mit dem du gerade überhaupt nicht rechnest: Stimmung.
Im gängigen Hundetraining hörst du davon meistens gar nichts. Da geht es immer nur um Sitz, Platz, Bleib und Bei-Fuß-Laufen. Für mich ist die Stimmung deines Hundes aber so wichtig, dass ich sie bei allem mitdenke, was ich mit Hunden mache.
Mit Stimmung meine ich nicht die Laune von grade eben. Ich meine, wie sich das Leben für deinen Hund über Wochen und Monate anfühlt. Erwartet er, dass gleich was Gutes passiert, wenn er mit dir unterwegs ist? Oder rechnet er eher damit, dass es unangenehm wird?
Am deutlichsten siehst du das, wenn euch ein anderer Hund entgegenkommt und plötzlich, sobald er auf eurer Höhe ist, anfängt, euch anzubellen. Ein Hund, dem es grundsätzlich gut geht, guckt kurz hin, checkt die Lage und läuft mit dir weiter. Ein Hund, der eh schon komplett gestresst ist, erschreckt sich voll, rastet aus, bellt und kommt gar nicht mehr runter. Wie es deinem Hund über den Tag geht, entscheidet also mit, wie heftig er in so einem Moment reagiert.
Und good news: An der Stimmung deines Hundes kannst du aktiv etwas verbessern. Und dafür gibt es sogar einen Namen: Enrichment.
Enrichment ist viel mehr als eine Schleckmatte
Wenn du auf Instagram Enrichment siehst, geht es meistens um Schleckmatten, selbstgebaute Futterpuzzles und Schnüffelteppiche. Das ist super und gehört auch dazu. Aber Enrichment ist noch viel mehr.
Enrichment heißt: den Alltag deines Hundes so zu gestalten, dass er zu seinen Bedürfnissen passt. Dafür lohnt sich ein Blick auf die fünf Bereiche des Enrichments. Die stammen von der Biologin und Verhaltenstherapeutin Dr. Ute Blaschke-Berthold.
1. Ernährung. Bekommt dein Hund passendes Futter, das ihn wirklich gut versorgt? Und darf er auch so essen, wie Hunde es mögen, also schnüffeln, suchen und kauen, statt den Napf in zehn Sekunden leerzuschlingen? Hier gehören übrigens auch die Schleckmatte und das Futterpuzzle rein.
2. Umwelt. Hat dein Hund einen sicheren Ort für sich, seinen Lieblingsplatz? Und ist er draußen in einer Umgebung unterwegs, in der er sich sicher fühlt und trotzdem seine Nase benutzen und schnüffeln darf? Für manche Hunde ist übrigens genau die immer gleiche Runde das Beste, weil sie schon alles kennen und das ihnen Stress erspart.
3. Gesundheit. Geht es deinem Hund körperlich wirklich gut? Schmerzen, Zähne, Ohren, all das gehört regelmäßig gecheckt, weil es sonst leise auf die Stimmung drückt.
4. Erwartungssicherheit. Weiß dein Hund, was auf ihn zukommt, oder wird er einfach durch den Tag dirigiert? Ein Hund, der sich auf dich verlassen kann und der einem anderen Hund auch mal ausweichen darf, statt an ihm vorbeigezerrt zu werden, fühlt sich viel sicherer.
5. Gefühle. Fühlt sich dein Hund über den Tag oft gut, ist neugierig und hat Spaß? Oder hat er zu oft Angst, ist frustriert oder überfordert?
Der wichtigste Bereich bist du
Was viele überrascht: In fast allen dieser fünf Bereiche entscheidest du für deinen Hund. Du gestaltest sein Leben. Du bestimmst, wie eure Spaziergänge aussehen, ob dein Hund mitreden kann und wie du dich verhältst, wenn dein Hund gestresst ist. Deshalb lohnt es sich, ehrlich hinzuschauen:
Das tut deinem Hund gut:
- Du bleibst fair und auf seiner Seite, auch wenn er gerade einen Hund anbellt oder nicht hört.
- Du machst langsamer und supportest deinen Hund, sobald du merkst, dass er gestresst reagiert.
- Er darf beim Warten an der Straße einfach mal in Ruhe schnüffeln.
Das macht deinem Hund Stress:
- Du ziehst ihn ständig weiter, weil du es eilig hast.
- Du nimmst ihn überallhin mit, obwohl er lieber zu Hause pennen würde.
- Mal darf er am Tisch betteln und du findest es süß, am nächsten Tag meckerst du dafür und er kann sich das überhaupt nicht zusammenreimen.
Nimm dir einen Bereich raus, bei dem du denkst „da geht bei uns noch was“ und fang da an. Wenn du euren Alltag Stück für Stück durchgehst, bringt das deinem Hund mehr, als tausendmal pro Woche Sitz, Platz und Fuß zu üben.
Wenn dein Hund gerade hochfährt: das Entspannungssignal
Es klingelt an der Tür, dein Hund schießt hoch und bellt sofort aufgeregt los. In solchen Momenten hilft dir ein Entspannungssignal.
So funktioniert es: Immer wenn dein Hund von ganz allein schön entspannt daliegt, sagst du ein bestimmtes Wort dazu, zum Beispiel „chill“. Machst du das oft genug, verknüpft dein Hund dieses Wort mit dem entspannten Gefühl. Später sagst du „chill“, wenn er aufgeregt ist und hilfst ihm damit, wieder ein Stück runterzukommen.
Es zaubert deinen Hund nicht von jetzt auf gleich ruhig. Aber es holt ihn so weit runter, dass du wieder an ihn rankommst, statt neben einem Hund zu stehen, der dich gar nicht mehr wahrnehmen kann.
Diese beiden Entspannungssignale kannst du überall im Alltag und Training nutzen:
- Ein Entspannungswort hilft deinem Hund im Moment, zum Beispiel wenn es an der Tür klingelt oder ihr an einem anderen Hund vorbeigeht.
- Ein Entspannungsduft wirkt über längere Zeit. Perfekt, wenn dein Hund allein bleibt, an Silvester, oder wenn eine tiermedizinische Untersuchung ansteht.
Wie du beides Schritt für Schritt aufbaust, zeige ich dir hier:
Lesetipp: Wie du ein Entspannungssignal aufbaust
Lesetipp: So baust du einen Entspannungsduft für deinen Hund auf
So wird dein Hund wirklich entspannter
Ein gestresster Hund kann dich gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Er ist so mit sich und der Welt beschäftigt, dass für dich kein Platz mehr ist. Vielleicht kennst du das: Du sagst was und dein Hund guckt durch dich durch, als wärst du gar nicht da.
Genau hier setzt mein 0 € Online-Training „In 6 Schritten zu einem Hund, der auf dich hört“ an. Ich zeige dir, wie dein Hund wieder ansprechbar wird und dich wahrnimmt, auch wenn gerade viel los ist. Ohne Anschreien, ohne Druck, ohne dass du dich durchsetzen musst.
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Bei den mit Sternchen * markierten Links handelt es sich um Affiliate-Links. Wenn du darüber etwas kaufst, bekomme ich eine kleine Provision. Für dich ändert sich am Preis nichts.
Häufige Fragen zu Entspannung beim Hund
Dein Hund entspannt vor allem dann, wenn du ihm den Alltag so ruhig wie möglich machst. Drei Sachen helfen am meisten:
- Genug Schlaf. Viele Hunde schlafen zu wenig und werden dadurch immer zappeliger. 18 Stunden am Tag und mehr sind völlig normal.
- Ein fester Rückzugsort. Wenn dein Hund einen Platz hat, an dem ihm nie etwas Unangenehmes passiert, kann er dort viel leichter runterkommen.
- Weniger Stress im Alltag. Schau dir an, was deinen Hund jeden Tag stresst, und nimm davon so viel raus wie möglich. Denn je weniger Stress sich bei ihm anstaut, desto entspannter wird er.
Wenn dein Hund einfach nicht runterkommt, steckt fast immer Stress dahinter, der sich über den Tag anstaut. Die häufigsten Gründe sind:
- Zu viel Action. Noch eine Runde, noch ein Spiel, und dein Hund ist am Ende aufgedrehter statt müder.
- Ein Bedürfnis ist nicht erfüllt. Dein Hund muss mal, hat Hunger oder kommt viel zu selten zum Schnüffeln.
- Angst. Ein Geräusch oder eine Situation macht deinem Hund Stress, ohne dass du es merkst.
- Gesundheit. Wenn dein Hund ständig unruhig ist, lass ihn unbedingt tiermedizinisch durchchecken. Oft steckt etwas Körperliches dahinter.
Am besten schaust du dir ein paar Tage lang an, wann dein Hund unruhig ist. Meistens findest du so heraus, was dahintersteckt.
Hunde schlafen viel mehr, als die meisten denken:
- Ein erwachsener Hund kommt auf etwa 18 Stunden am Tag.
- Welpen, junge Hunde und Hunde, die schnell überfordert sind, brauchen sogar 20 bis 22 Stunden.
Das muss nicht alles Tiefschlaf sein, dösen und ruhen zählt mit. Wichtig ist nur: Schläft dein Hund deutlich weniger, wird er nicht ruhiger, sondern immer zappeliger. Genau wie ein übermüdetes Kind, das nicht mehr zur Ruhe kommt.
Befehlen kannst du deinem Hund Entspannung nicht. Dein Hund entspannt nur, wenn er sich sicher fühlt und von allein runterkommt. Was du aber machen kannst: Du baust ein Entspannungssignal auf. Dafür sagst du immer dann ein bestimmtes Wort, zum Beispiel "chill", wenn dein Hund von ganz allein schön entspannt daliegt. Nach vielen Wiederholungen verknüpft dein Hund dieses Wort mit dem entspannten Gefühl. Später hilft ihm das Wort, in aufregenden Momenten wieder ein Stück runterzukommen. Lies dazu hier weiter: Wie du ein Entspannungssignal aufbaust
