Was du wissen musst, um Verhalten bei deinem Hund zu verändern

Klar, du denkst dir jetzt sicher durch Training. Du hast Recht.

Als erstes fällt dir dazu sicher die Arbeit mit Belohnung und Strafe ein. Wenn sich für einen Hund sein Verhalten nicht mehr lohnt, stellt er es ein. Lohnt es sich für ihn, wird er es immer wieder zeigen. Das passiert Alles im Gehirn des Hundes.

 

Was du über Lerntheorie wissen solltest

Die Mechanismen des Lernens wurden Ende des 19. Jahrhunderts von Edward Lee Thorndike erforscht.

Thorndike stellte fest:

Bei Befriedigung und Erleichterung erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten wieder auftritt.

Du kannst etwas

  • Angenehmes hinzufügen (angenehme, befriedigende Belohnung – positive Verstärkung)

oder

  • Unangenehmes wegnehmen (erleichternde Belohnung – negative Verstärkung)

Bei Angst und Frustration verringert sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten wieder auftritt.

Du kannst etwas

  • Unangenehmes hinzufügen (ängstigende Strafe – positive Strafe)

oder

  • Angenehmes wegnehmen (frustrierende Strafe – negative Strafe)

Im Labor funktioniert das ganz einfach, denn dort hatte Thorndike alles unter Kontrolle.

Dein Hund lebt aber nicht unter Laborbedingungen und bewegt sich in einer interessanten Umwelt. Die Theorie lässt sich schlechter umsetzen, weil wir nicht mehr so viel Kontrolle haben.

Wenn der Hund unbedingt ein Kaninchen jagen will, wird ihm unser doch unangenehmes Brüllen vielleicht egal sein. Das Kaninchenjagen ist deinem Hund sehr wichtig, tut ihm sehr gut und ist genetisch stark verankert. Das Brüllen wird er in kauf nehmen und das macht die Arbeit mit Strafe in der Praxis schwer.

Außerdem hat Thorndike drei wichtige Gesetzmäßigkeiten des Lernens formuliert:

Gesetz der Auswirkung (law of effect)

Der Hund lernt durch die Konsequenzen, die sein Verhalten für ihn hat. (Siehe oben: Die Verstärkung und Schwächung des Verhaltens durch Befriedigung, Erleichterung, Angst und Frustration.)

Gesetz der Übung (law of exercise)

Immer, wenn dein Hund ein Verhalten ausführt, wird es gefestigt. Wiederholungen sind wichtig, damit der Hund das Verhalten lernen kann. Das bedeutet, dass du fleißig mit deinem Hund üben musst.

Dein Hund lernt aber auch Verhaltensweisen, die du nicht gern hast, durch Wiederholungen besser. ? Deshalb solltest du Training so planen, dass von dir nicht erwünschte Verhaltensweisen gar nicht erst auftreten.

Gesetz der Bereitschaft (law of readiness)

Die Bereitschaft zum Lernen muss vorhanden sein. Laut Thorndike muss das Säugetier das Bedürfnis haben, einen angenehmen Zustand herzustellen oder einen unangenehmen Zustand zu vermeiden – dein Hund braucht einen Anreiz zum Handeln.

Lesetipp: So lernt dein Hund

Aber Training am Verhalten des Hundes umfasst nicht nur den Einsatz von Belohnung und Strafe – du kannst auch noch an einer ganz anderen Stelle Einfluss nehmen.

 

Verändere die Situation und du veränderst das Verhalten

Das macht er ja nicht immer. Diesen Satz hast du sicher schon mal gehört oder selbst gesagt. Denn ob dein Hund ein bestimmtes Verhalten zeigt, hängt davon ab, ob die Bedingungen dafür stimmen.

Verhalten hängt immer von bestimmten Rahmenbedingungen ab. Wenn du an diesen etwas veränderst, kannst du auch das Auftreten des Verhaltens wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen.

 

Auslöser

Es muss der passende Auslöser da sein.

Wenn du das Signal „Sitz“ gibst und sich dann dein Hund hinsetzt, ist der Auslöser für sein Verhalten „Po auf dem Boden absetzen“ dein Wort „Sitz“.

Zeigst du ihm deinen erhobenen Zeigefinger und sein Po wandert Richtung Boden, ist der Auslöser dein spezifisches Handzeichen.

Hat dein Hund gelernt, sich hinzusetzen, wenn er einen fremden Hund sieht, und sein Po geht zum Boden, wenn ein Hund auftaucht, ist der Auslöser für das Sitzen der andere Hund.

Springt dein Hund bellend in die Leine, wenn er fremde Hunde sieht, ist der fremde Hund der Auslöser für das Bellen und in die-Leine-Springen.

Wenn du also nicht möchtest, dass dein Hund in die Leine springt und bellt, könntest du andere Hunde meiden. Ok, das ist unrealistisch und nicht dein Ziel.

Stattdessen könntest du beginnen aufzuschreiben, welche Auslöser das Verhalten bei deinem Hund auslösen, welches du verändern willst.

Bleiben wir bei dem Beispiel Leinenaggression.

Der Auslöser dafür sind fremde Hunde. Im zweiten Schritt notierst du dir möglichst viele Merkmale des Auslösers.

Z. B.

  • Mein Hund reagiert gestresst, sobald ein fremder Rüde zu sehen ist. Er springt in die Leine und bellt, wenn der Rüde 20m entfernt ist und ihn länger als drei Sekunden ansieht.
  • Mein Hund reagiert gestresst, sobald eine fremde Hündin zu sehen ist. Er knurrt erst, wenn die Hündin in zehn Metern Entfernung sich frontal auf ihn zu bewegt und ihn dabei länger als drei Sekunden ansieht.

Natürlich wirst du niemals alles beschreiben können, da du nicht dein Hund bist und nicht alles, wie dein Hund wahrnehmen kannst, aber die Auslöser aufzuschlüsseln und zu ordnen, hilft dir bei der Planung deines Trainings.

  1. Du weißt, wann du deinen Hund noch belohnen kannst.
  2. Du weißt, wann dein Hund noch ansprechbar ist
  3. Du weißt, wann du die Distanz vergrößern musst, um das – ich bleibe beim Beispiel – in-die-Leine-Springen und Bellen zu verhindern.
  4. Du bist in der Lage, die Auslöser zu sortieren, um kleinschrittig am Verhalten deines Hundes zu arbeiten.

 

Gesundheit

Wenn mein Paco gesund wäre, wäre er sicher der beste Hund auf der ganzen Welt. Leider macht uns seine Gesundheit oft einen Strich durch die Rechnung.

Damit meine ich nicht das Offensichtliche, dass er bei Magenschmerzen sich nicht gern hinsetzt und lieber ein paar Sekunden länger überlegt, sondern das Unwohlsein und der Stress.

Wenn du schon mal über ein paar Tage Schmerzen hattest, kannst du dich sicher daran erinnern, dass es Momente gab, in denen du schnell unleidlich warst und dich vielleicht kurz vergessen hast… Das macht dich nicht zu einem schlechten Menschen, aber deinem Hund geht es genauso und Hunde können sich noch schlechter kontrollieren.

Gesundheitliche Veränderungen nimmst du bei deinem Hund zuerst durch sein Verhalten wahr, denn er kann mit dir nicht darüber reden.

Wenn Paco Bauchschmerzen hat und ich seinen Bauch berühre, kann es sein, dass er laut quiekt, leise knurrt oder aufsteht und geht. Ohne Bauschmerzen lässt er sich sehr gern direkt am Bauch streicheln und hält mir deshalb oft seinen Bauch direkt vor die Nase. In so einem Moment beginne ich nicht zu trainieren, dass er meine Hand an seinem Bauch „duldet“, sondern gehe zur Tierärztin.

Ein Blick auf die Gesundheit des Hundes lohnt sich immer – ganz besonders, wenn dein Hund plötzlich sehr aufgedreht, ängstlich oder aggressiv reagiert oder sich stark verändert hat.

Sind gesundheitliche Ursachen verantwortlich für das Verhalten deines Hundes oder begünstigen das Verhalten stark, wird auch das beste Training der Welt keine herausragenden Ergebnisse bringen.

 

Hintergrundstress

Mit Hintergrundstress meine ich Stress im Alltag, der deinen Hund belastet und negative Emotionen bei ihm auslöst. Das passiert, wenn dein Hund die stressigen Situationen nicht bewältigen kann.

Warum Ängste und Trennungsstress mehr Probleme schaffen

Situationen, die dein Hund nicht bewältigen kann, sind z. B.:

– Angst

– Trennungsstress

Wenn dein Hund mit Angstauslösern und/oder Trennungsstress im Alltag zu kämpfen hat, ist das sehr belastend für ihn. Das kann Auswirkungen auf seine Leistungen in anderen Bereichen haben.

Pacos Magenschmerzen führen auch zu Stress und dadurch wird er empfindlicher bei Knallgeräuschen. Die aufflammende Geräuschangst und der steigende Hintergrundstress führen bei ihm recht schnell wieder zu Trennungsstress.
Behalte die schwierigen Situationen für deinen Hund im Blick und versuche sie nach und nach zu bearbeiten für mehr Lebensqualität und weniger Hintergrundstress.

Durch unser Training ist Paco mittlerweile sehr stabil. Kleine Rückschritte können wir schnell wieder aufholen und starten nicht immer wieder bei null.

 

Zu viel oder zu wenig?

Langeweile oder zu viel Beschäftigung und Stimulation sorgen auch für Hintergrundstress. Leider kann ich dir keine Zahlen nennen, wie lange du deinen Hund beschäftigen musst, damit es für ihn passt. Und es gibt auch nicht diese eine ultimative Beschäftigung für alle Hunde.

Beobachte deinen Hund und schau, was ihm gefällt und berücksichtige seine individuellen Bedürfnisse.

Unsere drei Hunde haben alle eine funktionierende Nase, die sie einsetzen – aber sie haben alle drei mehr Spaß daran, ihre Augen zu nutzen. Deshalb gibt es bei uns Beschäftigung für die Nase, für die Augen und Beschäftigung in Form von Bewegung. Die darf bei unseren drei lauffreudigen Hunden auch nicht fehlen.

Mehr zu diesem Thema findest du bei Easy Dogs im Artikel Beschäftigung – die richtige Balance von Ines Scheuer

Frustration

Passt die ausgewählte Beschäftigung nicht zu deinem Hund, wird er frustriert sein, weil er sich nicht ausleben kann. Wenn dein Hund nichts lieber macht, als zu schnüffeln und seine Nase zu benutzten, wird es ihm nicht reichen, Tricks zu üben und am Fahrrad mitzulaufen.

Oder du hast einen sehr lauffreudigen Hund, aber er muss immer neben dir gehen und hat nie die Möglichkeit, sich in seinem Tempo ganz frei zu bewegen.

Oder du wirfst deinem Hund ein tolles Spielzeug ins Wasser und er traut sich nicht, zu schwimmen. Nach ein paar Wiederholungen rennt dein Hund zu einem anderen Hund und knufft ihn in die Seite.

Frustration schafft ein hohes Erregungsniveau und fühlt sich nicht gut an. Diese Kombination begünstigt aggressives Verhalten bei Hunden (und auch bei uns Menschen – denk an dichten Straßenverkehr zum Feierabend…)

Ein frustrierter Hund zeigt außerdem schnell Übersprungverhalten – es könnte sein, dass er sich kratzt, sich die Pfoten leckt, bellt, Kreise rennt, schnüffelt, aufreitet, irgendwelche Gegenstände ins Maul nimmt, wie z. B. deine Hand und anderes.

 

Mehrhundehaltung

Auch die Haltung von mehreren Hunden kann für Hunde Stress bedeuten.

Meine Hunde bemühen sich, sehr gut miteinander zurechtzukommen. Deshalb beobachten sie sich sehr genau, um passend auf den anderen reagieren zu können. Denn sie möchten Konflikte leise lösen und auch ihre Ruhe haben. Das verbraucht sehr viel Impulskontrolle und diese fehlt im schlimmsten Fall dann in anderen Situationen.

Außerdem konkurrieren meine Hunde um unsere Aufmerksamkeit und andere wichtigen Dinge – auch wenn eigentlich alles im Überfluss für sie zur Verfügung steht. Außer meinen Hände, für drei Hunde habe ich leider eine Hand zu wenig.

Streit an Ressourcen haben wir zu Hause keine (mehr). Paco, Ascii und Ami haben gelernt, diese Konflikte anders zu lösen – die Situation hat sich aber für sie nicht grundlegend verändert.

 

Erregungslevel

Auch das Erregungslevel deines Hundes solltest du im Auge behalten. Und nein, es geht nicht darum, deinen Hund immer auf Sparflamme zu fahren.

Hohe Erregung, die ausgelöst wird durch Frustration, ist ein Problem. Warum das so ist, konntest du schon im Punkt Frustration lesen.

Wenn du durch Spiel das Erregungslevel deines Hundes in die Höhe treibst, ist das kein Problem. Schwierig wird es nur, wenn du das Spiel auf dem Höhepunkt einfach abbrichst. Sofort ist dein Hund frustriert ist, weil die schöne Sache schon zu Ende ist.

Der Fehler ist nicht ,deinen Hund hochzufahren, sondern seinen Bremsweg nicht mit einzurechnen. Hast du schon mal die Playstation eines Kindes ausgeschaltet mitten im Spiel? Ich war als Kind sehr frustriert, wenn ich bei Super Mario beim Endgegner gestorben bin. Da hatten es meine Eltern und meine Schwester nicht leicht… ?

 

Wie deine Kommunikation deinen Hund beeinflusst

Deine Signale und Kommandos, die du deinem Hund gibst, haben auch einen Einfluss auf sein Verhalten in bestimmten Situationen.

Dein Hund sieht einen anderen Hund und ist schon gestresst. Du weißt, in den nächsten zehn Sekunden wird er bellen, und gibst ihm das Kommando Sitz.
Dein Sitz hast du zwar aufgebaut mit Belohnungen, aber wenn dein Hund sich nicht sofort hingesetzt hat, hast du seinen Po auf den Boden gedrückt oder mit ihm geschimpft. Das war deinem Hund nicht angenehm, aber irgendwie hat es funktioniert – zumindest sitzt er meistens.

In dem Moment, wo dein Hund gestresst ist durch den anderen Hund und du das Signal Sitz gibst, entsteht für deinen Hund eine schreckliche Situation. Er weiß, wenn er es nicht macht, wird es für ihn unangenehm – aber er kann sich nicht hinsetzen, da die Bedrohung immer weiter auf ihn zukommt.
Dieser soziale Stressor macht die Situation für deinen Hund noch schlimmer und das Bellen sogar wahrscheinlicher. Im schlimmsten Fall reagiert dein Hund durch dein Signal noch heftiger auf den fremden Hund.
Du musst wissen, welche Signale und Kommandos was bei deinem Hund auslösen und wie sie das Verhalten deines Hundes beeinflussen können. Und du musst wissen, wie der Aufbau von Signalen und Kommandos Einfluss auf die Gefühlslage deines Hundes nimmt.

Warum Emotionen immer das letzte Wort haben

Die Erfahrung, die dein Hund in den Situationen schon gemacht hat, schafft bei ihm eine Erwartung. Wenn er gelernt hat, dass er die Situation meistern kann und es ihm währenddessen und danach gutgeht, wird sicher alles so laufen, wie du dir das wünschst.

Hat er andere Erfahrungen gemacht, wird er gestresst sein und vielleicht schon Angst davor bekommen, was passiert oder was du als Bezugsperson machst.

Emotionen spielen eine riesige Rolle, denn sie aktivieren das Verhalten bei deinem Hund. Empfindet dein Hund Angst vor lauten Knallgeräuschen wird er weglaufen, sich verstecken oder bei dir Schutz suchen – je nachdem, was ihm an Verhalten bisher geholfen hat. Wenn keine Angst bei ihm ausgelöst wird, wird dein Hund auch keine der genannten Verhaltensweisen zeigen.

Versuchst du genau in dem Moment, wo dein Hund Angst vor einem Knallgeräusch hat, ein Sitz abzufragen, wird dein Hund es vielleicht nicht zeigen. Warum? Weil die Emotion Angst das letzte Wort hat und sich dein Hund in Sicherheit bringen will. Da spielt Sitz und alles, was darauf folgen kann, keine Rolle mehr.

Deshalb ist es wichtig, durch Training bei Angst- und Aggressionsverhalten gute Emotionen gegenüber den Auslösern zu schaffen, damit Flucht und Vertreiben Neugier weichen kann. Und es ist wichtig, dass dein Training keine zusätzliche Angst bei deinem Hund auslöst.

 

Fazit

Das Verhalten deines Hundes kannst du verändern, in dem du ihm zeigst, was sich lohnt und was sich für ihn nicht lohnt. Das ist nicht immer leicht, weil die Umwelt nicht kontrollierbar ist und weil dein Hund entscheidet, was sich für ihn gelohnt hat und was sich für ihn nicht gelohnt hat.

Um Verhalten auf Dauer erfolgreich zu verändern, kannst du zusätzlich an den Rahmenbedingungen für Verhalten schrauben, die das Auftreten des Verhaltens wahrscheinlicher machen und es bedingen.

  • Gesundheit
  • Hintergrundstress
  • Erregungslevel
  • Signale, Kommandos und Kommunikation der Bezugsperson
  • Erfahrung
  • Erwartung
  • Bewertung

 

Hier findest du die anderen Artikel von meiner Reihe – „Wie du Verhalten bei deinem Hund ändern kannst“

 

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