Du ziehst dir die Schuhe an und dein Hund steht schon an der Tür. Ganz genau beobachtet er, welche Jacke du nimmst. Du gehst raus, ziehst die Tür zu und hörst ihn durchs ganze Haus jaulen, bis nach draußen. Im Auto checkst du heimlich die Kamera-App. Er läuft rum. Er hechelt. Er kommt nicht zur Ruhe und rennt immer wieder zur Tür.
Und du sitzt da mit diesem Kloß im Hals und denkst: So kann das nicht weitergehen.
Ich kenne das. Als Paco bei mir einzog, blieb er keine Sekunde easy allein. Er kam frisch aus dem spanischen Tierschutz, alles war neu, alles fremd. Ging ich nur runter zum Müll, heulte und schrie er sofort los.
Am Anfang hab ich es genau so gemacht, wie es überall steht: kurz raus, wieder rein. Raus, rein. Und die Zeit dabei Stück für Stück länger. Erst eine Sekunde, dann fünf, dann eine Minute. Klingt logisch. Ist es aber nicht. Denn wenn dein Hund schon nach einer Sekunde in Panik gerät, dann lernt er dabei nur eins: Dass es schlimm ist, wenn du gehst. Er ist die ganze Zeit gestresst und jedes Mal, wenn du rausgehst, kommt neuer Stress dazu.
Dein Hund soll gar nicht lernen, länger durchzuhalten beim Alleinbleiben. Er soll lernen, dass er auch ohne dich okay ist und entspannt bleiben kann. Und genau das zeig ich dir hier: wie das geht.
Übrigens woran du erkennst, dass dein Hund nicht allein bleiben kann, erfährst du hier:
Trennungsangst bei Hunden
Phase 1: Dein Hund braucht erst einen Lieblingsplatz
Bevor dein Hund lernt, alleine zu bleiben, braucht er einen Ort, an dem er sich rundum wohlfühlt. Einen Lieblingsplatz, der nur ihm gehört. Ein Körbchen, eine Decke, ein Kissen, eine Box, was dein Hund mag. Wichtig ist nur, was er dort fühlt: Hier geht’s mir gut. Hier fühl ich mich wohl. Hier kann ich mich entspannen. Im Training nenne ich diesen Ort die Komfortzone.
Aber Achtung, das verstehen viele falsch: Es geht in Phase 1 nicht darum, dass dein Hund lernt, auf einer Decke zu warten, bis du wiederkommst. Es geht darum, dass er diesen Lieblingsplatz von ganz allein aufsucht, weil er sich dort einfach wohlfühlt. Dass er dort döst, schläft, ausruht, Zeit verbringt und sich allein beschäftigt. Freiwillig und ohne dass du ihn hinschickst. Er muss dort auch nicht bleiben. Alles freiwillig.
Und in dieser Phase gehst du erstmal noch gar nicht weg. Dein Hund wird nicht allein gelassen. Alleinlassen ist in Phase 1 noch überhaupt kein Thema.
So wird dieser Ort zum Lieblingsplatz
- Dein Hund bekommt seine Kauartikel genau dort. Den Kong, den Kauknochen, die Sachen zum Zerpflücken.
- Suchspiele starten direkt am Lieblingsplatz.
- Die leckeren Sachen aus eurem Morgenritual gibt es an diesem Platz.
- Immer wenn dein Hund von selbst hingeht, sich hinlegt oder sich dort entspannt, gibst du dein Markersignal und belohnst ihn. Das Markersignal ist ein kurzes Wort oder ein Klick, mit dem du deinem Hund genau sagst: Ja, das da, richtig gut. Die Belohnung kommt danach immer auf den Lieblingsplatz. Ein ruhiges Lob oder ein Leckerli, das du hinwirfst.
Und jetzt kommt der Punkt, ohne den das Ganze nicht funktioniert: Der Lieblingsplatz muss der schöne und sichere Ort für deinen Hund bleiben. Immer. Er wird dort nie zur Strafe hingeschickt und nie angemeckert. Denn genau dieser Platz ist es, der deinem Hund später hilft, klarzukommen, wenn du mal weg bist. Er ist seine Bewältigung, sein Anker. Und ein Anker funktioniert nur, wenn dein Hund ihm zu hundert Prozent traut.
Deshalb passieren dort auch die schönen Dinge mit dir. Du setzt dich dazu, kuschelst mit ihm, kraulst ihn, seid einfach zusammen an diesem Ort. So wird der Lieblingsplatz nicht zum Abstellplatz fürs Alleinsein, sondern zu dem Ort, an dem sich dein Hund am wohlsten und vor allem sicher fühlt.
Trägt dein Hund seinen Kauknochen mal vom Platz weg, bringst du ihn freundlich wieder hin. Ganz ruhig, kein Stress.
So hilfst du deinem Hund beim Entspannen
Entspannungssignale sind für jeden Hund super. Manche Hunde kommen auf ihrem Lieblingsplatz zwar von allein zur Ruhe. Aber für viele ist Entspannen zu Hause gar nicht so leicht. Zum Beispiel, wenn du dich bewegst und in der Wohnung aktiv bist. Oder wenn dein Hund schnell gestresst ist, viel Angst hat oder generell schwer runterkommt. Genau dann helfen dir zwei Entspannungssignale, die du gezielt aufbauen kannst: ein Entspannungswort und ein Entspannungsduft.
Das Entspannungswort
Das ist ein bestimmtes Wort, das du mit echter Entspannung verknüpfst. Wichtig: Dein Hund soll dabei nicht nur still liegen. Er soll wirklich runterfahren und sich tief entspannen. Genau dieses Gefühl verknüpfst du mit deinem Wort. Später sagst du das Wort und hilfst deinem Hund so, in dieses Gefühl zurückzufinden.
Wie du das Schritt für Schritt aufbaust, zeige ich dir hier: Wie du Entspannungssignale bei deinem Hund aufbaust.
Der Entspannungsduft
Der ist fürs Alleinbleiben besonders praktisch. Ein Entspannungswort wirkt nur einen kurzen Moment. Ein Duft dagegen bleibt die ganze Zeit da. Dein Hund riecht ihn, während du weg bist, und bleibt dadurch viel länger entspannt.
Das funktioniert, weil der Geruchssinn direkt ins Gefühlszentrum im Gehirn geht, ganz ohne Umweg. Deshalb löst ein vertrauter Duft so schnell ein gutes Gefühl aus. Du legst deinem Hund zum Beispiel ein Tuch mit dem Duft in die Nähe, wenn ihr gemeinsam entspannt. So verknüpft sich der Duft mit einem guten Gefühl.
Wie du das genau machst, liest du hier: So baust du einen Entspannungsduft für deinen Hund auf.
Daran erkennst du, dass Phase 1 geschafft ist 
Dein Hund geht von allein an seinen Lieblingsplatz, um zu schlafen und zu dösen. Er trägt seine Leckerli und Kauartikel sofort dorthin. Und nach dem Gassi sucht er den Platz von selbst auf. Und das alles, egal wo du gerade in der Wohnung bist.
Phase 2: Jetzt kommt das Alleinsein dazu, Stück für Stück
Dein Hund hat jetzt seinen Lieblingsplatz und fühlt sich dort wohl. Erst jetzt fängst du an zu üben, dass dein Hund allein bleibt. Und zwar in so kleinen Schritten, dass dein Hund dabei entspannt bleibt und gar nicht erst unruhig wird oder gestresst wirkt.
Am Anfang bleibst du dabei komplett in der Wohnung. Du gehst nur ein paar Schritte von deinem Hund weg, mehr nicht. Wichtig ist, dass dein Hund dabei entspannt liegen bleibt. Und entspannt heißt wirklich entspannt, nicht bloß still. Sein Körper ist locker, die Muskeln weich. Er döst vor sich hin, atmet ruhig, hebt vielleicht mal kurz den Kopf und legt ihn wieder ab. Genau das willst du sehen.
Solange dein Hund so entspannt bleibt, gehst du beim nächsten Mal ein kleines Stück weiter weg. Steht er auf, fängt an zu hecheln oder starrt dich angespannt an, dann war der Schritt zu groß. Du gehst zurück und machst es ihm wieder leichter.
Der Trainingsplan fürs Alleinbleiben besteht aus vier Stufen. In jeder Stufe machst du es deinem Hund ein kleines bisschen schwerer. Den nächsten Schritt gehst du aber erst dann, wenn dein Hund mit der Stufe davor entspannt klarkommt.
- Stufe 1: Du bleibst im Raum, bist aber kurz nicht für deinen Hund verfügbar.
- Stufe 2: Eine Barriere kommt dazu, zum Beispiel ein Kindergitter.
- Stufe 3: Du übst die Auslöser fürs Weggehen, also Schlüssel, Schuhe und Jacke.
- Stufe 4: Du gehst durch die Wohnungstür und bleibst nach und nach länger weg.
Bevor es mit Stufe 1 losgeht, brauchst du aber noch eine Sache: Ein Trennungssignal.
Dein Hund klettert keine Treppe hoch
Und daran scheitern die meisten im Training: Sie stellen sich diese Stufen wie eine Treppe vor, die dein Hund einmal hochsteigt und dann ist er oben. So läuft das nicht. Ob dein Hund eine Stufe an einem Tag gut schafft, hängt von ganz vielem ab. Davon, wie entspannt er gerade ist, wie sein Tag bis dahin war, wie viel gerade um ihn herum los ist. Gut möglich, dass ihr schon bei Stufe 3 seid und sie klappt an einem Tag plötzlich nicht mehr. Das ist normal und kein Grund, dir Sorgen zu machen.
Stell es dir eher vor, wie wenn du auf einen Berg steigst. Mal geht es hoch, mal wieder ein Stück runter, dann wieder hoch. Aber mit der Zeit kommt ihr eurem Ziel immer näher.
Wenn eine Stufe auf einmal gar nicht mehr läuft, schau trotzdem kurz hin:
- Ist dein Hund gerade sehr gestresst?
- Habt ihr eine stressige Phase, seid ihr zum Beispiel umgezogen?
- Hat sich sonst irgendwas für ihn verändert?
- Geht es ihm gesundheitlich gut?
Und dann darf es auch einfach mal schlechtere Tage geben. Lernen läuft nicht schnurstracks nach oben, sondern in Wellen. Mal geht viel, dann kommt ein Plateau, wo sich tagelang nichts zu bewegen scheint, dann geht es weiter. Das ist völlig normal. Wir dürfen uns ruhig von dieser Idee lösen, dass immer alles nur besser und besser und besser werden muss.
Dein Trennungssignal: dein Hund weiß, woran er ist
Bevor du das erste Mal von deinem Hund weggehst und ihn allein lässt, führst du ein Trennungssignal ein. Dieses Zeichen sagt deinem Hund: Ich bin zwar noch da, aber gerade nicht für dich verfügbar.
Denn darum geht es in dieser Phase erstmal. Du bleibst körperlich im Raum, aber du beschäftigst dich nicht mit deinem Hund:
- Du sprichst ihn nicht an.
- Du schaust ihn nicht an.
- Du streichelst ihn nicht.
Dein Hund lernt dadurch: Wenn das Trennungssignal da ist, bin ich gerade auf mich gestellt und das ist vollkommen okay. Und weil sich dieses Nicht-verfügbar-Sein für deinen Hund ähnlich anfühlt wie das spätere Weggehen, ist es die perfekte Vorstufe. Denn wenn du wirklich mal weggehst, bist du für deinen Hund ja auch nicht verfügbar. Wir machen es ihm nur erstmal leichter, indem du noch körperlich da bist.
Am besten eignet sich als Trennungssignal etwas, das dein Hund sehen kann und das sonst nicht bei euch rumsteht. Ein aufgestellter kleiner Kegel, ein bestimmtes Handtuch, das du hinlegst, ein Schild an der Türklinke. Such dir eine Sache aus und bleib dann dabei.
Was bringt dir das Trennungssignal?
Es gibt deinem Hund Sicherheit. Er weiß dadurch immer genau, woran er ist. Liegt das Signal da, bist du gerade nicht für ihn verfügbar. So muss dein Hund nicht die ganze Zeit selbst im Blick behalten, ob du dich gleich mit ihm beschäftigst oder nicht. Das übernimmt das Trennungssignal für ihn.
Genauso wichtig ist die andere Seite: Sobald du wieder für deinen Hund da bist, räumst du das Trennungssignal weg. Nur so bleibt es für deinen Hund klar. Trennungssignal da heißt nicht verfügbar. Trennungssignal weg heißt, du bist wieder ansprechbar für deinen Hund.
Stufe 1: Du bist noch da, aber nicht ansprechbar
In der ersten Stufe bleibst du bei deinem Hund im Raum. Du machst jetzt genau das, was du mit dem Trennungssignal aufgebaut hast: Du bist für ihn kurz nicht verfügbar.
So übst du das Alleinbleiben in Stufe 1:
- Dein Hund liegt entspannt auf seinem Lieblingsplatz. Gib ihm etwas zum Kauen, das er mag.
- Stell das Trennungssignal auf.
- Jetzt ignorierst du deinen Hund. Du bleibst im Raum, machst aber dein eigenes Ding. Lies was, räum auf, setz dich mit dem Handy hin.
- Nach einer Weile nimmst du das Trennungssignal wieder weg und bist wieder ganz normal für deinen Hund da.
Wie lange die Phase dazwischen dauert, hängt komplett von deinem Hund ab. Bei dem einen sind es am Anfang zwei Minuten, bei dem anderen deutlich mehr. Du richtest dich danach, wie entspannt dein Hund bleibt, nicht nach der Uhr.
Ein Tipp, der wirklich viel bringt: Übe am besten zu der Tageszeit, zu der dein Hund später auch wirklich allein bleiben soll. Bleibt er sonst vormittags allein, während du arbeitest, dann übe vormittags. So passt das Training von Anfang an zu eurem echten Alltag.
Das ist dein Ziel in Stufe 1: Dein Hund bleibt entspannt auf seinem Platz, kaut an seinem Kauartikel oder döst, während das Trennungssignal da steht. Er versucht nicht, Kontakt zu dir aufzunehmen, sondern kommt gut mit sich allein klar.
Stufe 2: Eine Barriere kommt dazu
Dein Hund bleibt entspannt liegen, während du im Raum dein eigenes Ding machst? Dann kommt jetzt die nächste Stufe. Du baust eine Barriere zwischen euch auf. Am besten eine, durch die dein Hund dich noch sehen und hören kann. So kann er dir nicht direkt folgen, fühlt sich aber trotzdem nicht komplett von dir abgeschnitten.
Als Barriere eignet sich ein Kindergitter oder ein Tierschutzgitter. Tierschutzgitter sind meistens etwas höher, damit dein Hund nicht so leicht drüberspringt. Praktisch: Viele Tierschutzgitter gibt es mit einer kleinen Katzenklappe. Wenn bei euch also auch eine Katze wohnt, kommt die einfach durch, ohne über das Gitter springen zu müssen. Ein gutes Gitter, das du beidseitig öffnen kannst, ist zum Beispiel dieses hier: Tür- und Treppenschutzgitter von hauck*. *Affiliate-Link. Wenn du darüber kaufst, bekomme ich eine kleine Provision. Für dich bleibt der Preis gleich.
Lesetipp: 4 Gründe – warum jeder Hundehaushalt ein Kindergitter braucht
So läuft eine Trainingseinheit ab:
- Dein Hund liegt entspannt auf seinem Lieblingsplatz. Gib ihm wieder etwas zum Kauen.
- Stell das Trennungssignal auf.
- Schließ die Barriere und mach dein eigenes Ding, so wie in Stufe 1.
- Nach einer Weile machst du die Barriere wieder auf, nimmst das Trennungssignal weg und bist wieder ganz normal für deinen Hund da.
Auch hier gilt wieder: Du richtest dich danach, wie entspannt dein Hund bleibt, nicht nach der Uhr. Bleibt er locker liegen, kaut oder döst, ist alles gut. Wird er unruhig, steht auf oder fängt an zu hecheln, machst du die Barriere wieder auf und gehst einen Schritt zurück.
Das ist dein Ziel in Stufe 2: Dein Hund bleibt entspannt hinter der Barriere liegen, kaut an seinem Kauartikel oder döst. Die Barriere zwischen euch ist für ihn kein Grund zur Aufregung.
Stufe 3: Die Auslöser fürs Weggehen
Jetzt kommt der Teil, der für viele Hunde der eigentliche Knackpunkt ist. Denn dein Hund reagiert oft schon, lange bevor du überhaupt an der Tür bist.
Typische Auslöser, die deinem Hund ankündigen, dass du gleich gehst
Dein Hund hat längst gelernt, was passiert, kurz bevor du das Haus verlässt. Du greifst den Schlüssel, ziehst die Schuhe an, nimmst die Jacke. Für deinen Hund heißt das: Gleich ist mein Mensch weg. Diese Zeichen haben sich bei ihm fest mit dem Weggehen verknüpft. Und deshalb sind viele Hunde schon gestresst, wenn wir bloß den Schlüssel nehmen und in die Schuhe steigen. Da geht es für den Hund schon los, lange bevor die Tür überhaupt zu ist.
Schau dir also zuerst an, was du eigentlich alles machst, bevor du gehst. Bei jedem Hund sind das andere Dinge. Bei deinem können es zum Beispiel diese sein:
- Schlüssel in die Hand nehmen
- Schuhe anziehen
- Jacke anziehen oder vom Haken nehmen
- Tasche oder Rucksack schnappen
- Handy einstecken
- sich „fertig machen“ a. k. a. mal kurz noch auf dem Klo verschwinden
Schreib dir für deinen Hund eine Liste. Fang mit den Auslösern an, bei denen dein Hund nur kurz die Ohren spitzt. Danach kommen die, bei denen er wirklich in Stress gerät. Diese Reihenfolge ist dein Fahrplan: Du fängst mit dem an, was ihn am wenigsten juckt und arbeitest dich langsam vor.
So übst du die Auslöser, einen nach dem anderen
- Dein Hund liegt entspannt hinter der Barriere und kaut oder döst.
- Nimm einen einzigen Auslöser von deiner Liste, zum Beispiel den Schlüssel. Nimm ihn ganz beiläufig in die Hand. Bleibt dein Hund entspannt liegen, super. Leg den Schlüssel wieder weg.
- Diesen einen Auslöser übst du mehrmals, über mehrere Trainingseinheiten verteilt, bis dein Hund gar nicht mehr reagiert.
- Erst dann kommt der nächste Auslöser von deiner Liste dazu.
- Steht dein Hund auf oder fängt an zu hecheln, war es zu viel. Geh zurück zu dem Auslöser, mit dem er schon gut und entspannt klar kommt.
Immer nur ein Auslöser nach dem anderen. Genau dafür hast du deine Liste: Sie gibt dir den Überblick, was dein Hund schon kann und was als Nächstes dran ist. Wenn du gleich Schlüssel, Schuhe und Jacke hintereinander durchziehst, ist das zu viel auf einmal. Deshalb trainierst du diese Auslöser jetzt einzeln.
Und noch was, das leicht untergeht: Bau zwischendurch immer wieder Trainingseinheiten ganz ohne Auslöser ein. Dein Hund soll oft einfach nur entspannt auf seinem Platz sein, ohne dass irgendwas passiert. Das hat zwei Gründe. Zum einen brichst du damit die alte Verknüpfung richtig auf: Wenn der Schlüssel immer wieder auftaucht und dabei nichts passiert, verliert er nach und nach seine alte Bedeutung. Zum anderen braucht dein Hund auch mal Pausen von den Reizen. Ihr übt das entspannte Alleinbleiben ja weiter, ganz unabhängig davon, ob mal ein Schlüssel oder ein Schuh dazukommt.
Das ist dein Ziel in Stufe 3: Schlüssel, Schuhe, Jacke, all die kleinen Zeichen fürs Weggehen lassen deinen Hund kalt. Er bleibt entspannt liegen, egal was du gerade in die Hand nimmst.
Stufe 4: Du gehst durch die Wohnungstür
Jetzt kommt der große Moment: Du gehst wirklich durch die Tür. Aber auch das machst du in kleinen Schritten, damit dein Hund entspannt bleibt.
So baust du es auf:
- Zuerst gehst du nur bis hinter die Tür und kommst gleich wieder rein. Ganz kurz, nur ein paar Sekunden.
- Bleibt dein Hund dabei entspannt, gehst du beim nächsten Mal ein kleines Stück weiter. Vor die Wohnungstür, später vor die Haustür.
- Nach und nach dehnst du die Zeit aus, in der du weg bist.
Beobachte deinen Hund dabei über eine Kamera. So siehst du sofort, wie es ihm geht, während du weg bist, und kannst notfalls früher zurückkommen. Praktisch ist eine Kamera, mit der du live draufschauen, deinen Hund hören und ihn sogar ansprechen kannst. Achte beim Kauf darauf, dass sie ohne Abo läuft, sonst zahlst du am Ende für jede Aufnahme extra. Eine günstige und weit verbreitete Kamera ohne Abo ist zum Beispiel die Tapo C200*. Wenn du damit aufzeichnen willst, brauchst du noch eine kleine Micro-SD-Karte dazu, die kostet aber fast nichts. *Affiliate-Link. Wenn du darüber kaufst, bekomme ich eine kleine Provision. Für dich bleibt der Preis gleich.
Solange er entspannt bleibt, kaut oder döst, läuft alles richtig. Läuft er dir hinterher oder wird unruhig, war der Schritt zu groß. Dann machst du es beim nächsten Mal wieder leichter oder kürzer.
Steiger die Zeit nicht gleichmäßig
Das ist der wichtigste Punkt in dieser Stufe und er wird oft falsch gemacht. Steiger die Zeit nicht immer weiter nach oben, also nicht fünf Minuten, dann zehn, dann fünfzehn. Misch stattdessen kurze und längere Zeiten durcheinander. Mal bist du drei Minuten weg, dann nur dreißig Sekunden, dann acht Minuten, dann wieder eine Minute.
Das hilft deinem Hund gleich doppelt. Er kann nie ausrechnen, wie lange es diesmal dauert und muss sich deshalb nicht so anstrengen. Und die kurzen Zeiten sind für ihn viel leichter. So muss er nicht jedes Mal an seine Grenze gehen, sondern schafft immer wieder etwas, das ihm gut gelingt. Bau dir solche leichten Einheiten ganz bewusst ein. Dein Hund sammelt dabei ein Erfolgserlebnis nach dem anderen.
Warum dein Hund lernen darf, ohne dich klarzukommen
Aber wahrscheinlich denkst du jetzt: Mein Hund soll mich doch brauchen. Der soll doch merken, dass ich der wichtigste Mensch der Welt für ihn bin. Und ich versteh dich total. Aber genau hier liegt der Denkfehler.
Wenn dein Hund komplett ausrastet, sobald du gehst, ist das kein Beweis dafür, wie sehr er dich liebt. Er will nicht mit dir zusammen sein, er hat einfach nur Angst, allein zu sein. Und genau diese Angst ist ja dein Problem. Kaum bist du weg, jault er, kratzt an der Tür, kommt nicht zur Ruhe. Für ihn ist das der pure Horror. Und für dich auch, weil du nicht mal in Ruhe einkaufen gehen kannst.
Stell dir vor, wie sich das für deinen Hund anfühlt. Du gehst zur Tür raus und er kann nichts machen. Er kann dich nicht aufhalten, kann dir nicht folgen, kann nur abwarten. Er ist der Situation völlig ausgeliefert. Kein Wunder, dass ihn das so fertigmacht.
Und jetzt dreh das mal um. Dein Hund geht auf seinen Lieblingsplatz und merkt: Hey, hier fühl ich mich gut und kann mich entspannen. Er kann selbst etwas tun, damit es ihm besser geht, statt hilflos auf dich zu warten. Und das ist nicht nur für dich und deinen Hund cool. Es ist auch der einzige Weg, der ihm gegenüber wirklich fair ist.
Begrüße deinen Hund, wenn du wiederkommst
Du hast bestimmt schon mal gehört, dass man den Hund beim Heimkommen ignorieren soll, damit er sich nicht so aufregt. Vergiss das. Begrüße deinen Hund ruhig und freundlich, wenn du wiederkommst. Für ihn ist das ein wichtiges Zeichen: Wir sind wieder zusammen, alles ist gut. Das gibt ihm Sicherheit und macht das Alleinsein beim nächsten Mal leichter, nicht schwerer.
Das ist dein Ziel in Stufe 4: Du verlässt die Wohnung, und dein Hund bleibt entspannt auf seinem Platz. Er weiß inzwischen: Alleinsein ist okay und sein Mensch kommt immer wieder.
Endlich wieder rausgehen, ohne dieses schlechte Gefühl
Du kennst das: Du kannst nicht mal eben Brötchen holen, ohne dass es deinem Hund richtig schlecht geht, sobald du weg bist. Jeder Termin wird zur Rechnerei:
- Wie lang bin ich weg?
- Schafft er das?
- Wer könnte solange bei ihm bleiben?
Und das Schlimmste ist nicht mal, dass du selbst nirgends mehr hinkommst. Es ist, dass du genau weißt, wie mies es deinem Hund geht, sobald du nur kurz weg musst.
Aber das muss nicht so bleiben. Nicht für deinen Hund und nicht für dich. Erst machst du seinen Lieblingsplatz zu dem Ort, an dem er sich so richtig wohlfühlt. Dann gehst du in winzigen Schritten weg, so klein, dass er dabei ganz ruhig bleibt.
Denk dann an meinen Hund Ascii. In seinem alten Zuhause hat er die komplette Wohnung auseinandergenommen, eine Wand aufgebuddelt und ist sogar durch ein Fenster gesprungen (und das nicht im Erdgeschoss). Einmal ist er seinem Menschen bis zur Arbeit gefolgt und saß dann vor der Tür, wo er vorher noch nie gewesen war. Bei mir konnte dieser Hund irgendwann super entspannt allein bleiben. Genau dahin kommt ihr auch.
Sei geduldig mit euch. Mal läuft ein Tag super, mal gar nicht und das gehört einfach dazu. Wichtig ist nur, dass ihr weitermacht, in eurem Tempo.
Erkennst du, wann dein Hund gestresst ist?
Beim ganzen Training am Alleinebleiben kommt es auf eine Sache an: Du musst erkennen können, ob dein Hund gerade wirklich entspannt oder ob er schon gestresst ist. Und das ist gar nicht so easy, weil viele Zeichen fein sind und du sie schnell übersiehst. Ein kurzes Lecken über die Schnauze. Eine angespannte, steife Haltung. Ein Gähnen, das gar nicht zur Situation passt.
Genau das lernst du in meinem Video-Training Doggo Reading. Du lernst, die Körpersprache deines Hundes zu lesen und früh zu merken, wann er unsicher wird oder Stress bekommt. So weißt du in jeder Trainingseinheit genau, wann du weitergehen kannst und wann dein Hund eine Pause braucht.
Die wichtigsten Fragen zum Alleinbleiben
Das hängt ganz von deinem Hund ab, nicht von einer festen Stundenzahl. Ein Hund, der entspannt allein bleiben kann, schafft mehrere Stunden. Ein Hund mit Trennungsstress dagegen leidet schon nach einer Sekunde. Als grobe Richtung: Mehr als sechs Stunden am Stück sollte kein Hund allein sein. Wichtiger als die Uhrzeit ist aber, dass dein Hund die ganze Zeit über wirklich entspannt bleibt.
In kleinen Schritten und immer so, dass dein Hund dabei entspannt bleibt. Zuerst machst du seinen Lieblingsplatz zu einem Ort, an dem er sich richtig wohlfühlt. Erst danach übst du das Weggehen, Stück für Stück: Erst im Raum, dann hinter einer Barriere, dann durch die Tür. Den kompletten Trainingsplan dazu findest du weiter oben in diesem Artikel.
Ein paar Dinge machen dir das Training leichter. Ein Entspannungsduft hilft deinem Hund, ruhig zu bleiben, während du weg bist. Ein Kindergitter oder Tierschutzgitter dient als sanfte Barriere. Und eine Kamera ohne Abo zeigt dir, wie es deinem Hund geht, während du nicht da bist. Kauartikel und ein gemütlicher Lieblingsplatz gehören auch dazu. Welches Hilfsmittel wann sinnvoll ist, liest du in den einzelnen Phasen weiter oben.
Wenn dein Hund bellt, jault oder an der Tür kratzt, sobald du gehst, steckt dahinter Trennungsstress. Dein Hund macht das nicht, um dich zu ärgern, sondern weil er in dem Moment richtig Angst hat. Genau da hilft dir der Trainingsplan aus diesem Artikel: Dein Hund lernt Schritt für Schritt, dass er auch ohne dich klarkommt und entspannt bleiben kann.
Ein Welpe kann das Alleinbleiben nicht von Anfang an, er muss es genau wie ein erwachsener Hund erst lernen. Fang ganz langsam an und lass ihn nie länger allein, als er entspannt schafft. Am Anfang sind das oft nur ein paar Minuten. Wie du das mit einem Welpen aufbaust, erfährst du hier: Welpen allein lassen.
Nein, an Silvester solltest du deinen Hund nicht allein lassen. Selbst wenn er sonst gut allein bleibt, kann ein lauter Knaller direkt vorm Fenster ihn in Panik bringen. Findet er dann keinen Schutz, kann sich diese Angst auf euren ganzen Alltag auswirken. Mehr dazu, wie du deinem Hund bei Feuerwerk und Gewitter hilfst, liest du hier: Geräuschangst bei Hunden.
Für einen blinden Hund funktioniert das Training genauso wie für jeden anderen Hund, mit einer Ausnahme: Ein optisches Trennungssignal, das dein Hund sehen soll, bringt hier natürlich nichts. Nimm stattdessen ein Trennungssignal, das dein Hund hören kann. Zum Beispiel eine bestimmte ruhige Musik, die du immer dann anmachst, wenn du gehst. So weiß dein blinder Hund trotzdem genau, woran er ist. Ein Entspannungsduft im Raum unterstützt ihn zusätzlich dabei, entspannt zu bleiben.
Das ist bei jedem Hund anders und lässt sich nicht in Wochen vorhersagen. Manche Hunde lernen es in ein paar Wochen, andere brauchen Monate, besonders wenn sie schon starken Trennungsstress haben. Setz dich und deinen Hund nicht unter Druck. Wichtig ist nicht, wie schnell es geht, sondern dass dein Hund dabei entspannt bleibt.
